Der Spion

Am 20. März 1945, kurz vor 12 Uhr mittags, erschien in der Mühle ein deutscher Soldat in der Uniform eines Heeresfeldwebels. Auf dem Rücken trug er einen Traggestellrucksack, der mehr als all jene Ausrüstungsgegenstände und Habseligkeiten zu bergen schien, die Soldaten in den letzten Wochen des Krieges auf dem Rückzug mit sich führen konnten. Das schmale, bartlose Gesicht des Feldwebels spiegelte die Anstrengung wider, die ihm dieser Rucksack abverlangte. Es wirkte müde und abgespannt; der Mann schien einen langen Marsch und eine schlaflose Nacht hinter sich zu haben. In reinem, akzentfreiem Hochdeutsch fragte er, wo hier in Mittelstadt eine Frau Scheufele wohne; sie sei eine Verwandte, die er besuchen wolle. Man sagte ihm, Frau Scheufele sei seit einiger Zeit verreist, wohin, das wisse man in der Mühle nicht, er möge sich aber doch deswegen in der Bergsteigstraße 5 bei Brandstetters erkundigen; dort habe sie bisher gewohnt.

Der Soldat dankte für die Auskunft und ging. Man sah dem sehr sympathisch wirkenden jungen Manne, der so schwer unter seinem großen Rucksack keuchte, noch eine Weile nach, bis seine hohe und unter der großen Last gebeugte Gestalt hinter der Biegung bei der Schwane verschwand.

Wenige Minuten später klopfte er in der Bergsteigstraße 5 an. Er stellte sich hier als Feldwebel Gerd Terboven vor, der seine Verwandte, Frau Scheufele, besuchen möchte. Nachdem man ihm erklärte, seine Verwandte sei noch einmal nach Danzig, ihrem früheren Heimatort, gefahren, bat er darum, einige Tage im Hause wohnen zu dürfen, bis seine Einheit hier eintreffe; auf sie müsse er in Mittelstadt nämlich warten. Warum sollte man diesem jungen, müden Soldaten mit seiner vertrauenerweckenden hohen Stirn nicht für ein paar Tage aufnehmen, da man ohnehin gerade ein Zimmer frei hatte? Und kamen nicht immer wieder Soldaten in den Ort, die für kurze Zeit hier blieben, um dann weiter zu ziehen? Der gewünschte Aufenthalt wurde ihm selbstverständlich schon aus Mitleid gerne gewährt.

Später rückte dann Feldwebel Terboven, der infolge der Schleifmühle des Krieges älter wirkte als er in Wahrheit war, noch mit einem weiteren Wunsch heraus: Er brauche dringend Pferd und Wagen, um einen verletzten Kameraden zu holen, der in der Nähe von Walddorf vom Lastwagen gefallen sei und sich dabei den Fuß verstaucht habe.

Im Haus selbst besaß man kein Pferd, aber der Nachbar Weiblen hatte eins. Vielleicht lieh er es her. Man bat den Lammwirt Adolf Schairer, mit zu Weiblen zu gehen. Weiblen lehnte ab; er wollte keinem wildfremden Soldaten seinen Gaul ausleihen. Auf weiteres Drängen Terbovens bequemte er sich schließlich, zum Lammwirt gewandt, zu sagen: »Also, Adolf, wenn du mitgohscht, gib i mein Gaul dezua her.« Lammwirt Schairer erklärte sich bereit, mit Weiblens Gaul und seinem Bräckle diese Fahrt zu unternehmen.

In der Sonntagskutsche also fuhren beide, der Soldat und der Wirt, gen Walddorf, um den angeblich am Straßenrand liegenden Verletzten zu holen. Das Wetter war in jenen Tagen warm und frühlingshaft. Überall arbeiteten schon die Leute in den Gärten; der Krieg war fern, so dass die kleine Wagentour einer Spazierfahrt glich. Doch weder dem Soldaten noch dem Lammwirt mag danach zumute gewesen sein.

Man kutschierte durch Walddorf dem Schönbuch entgegen. Vor der Schranke im Wald mussten sie wohl oder übel halten. Der Weg war zu Ende; von einem verletzten Soldaten war jedoch keine Spur zu sehen. Der Feldwebel hieß den Wirt hier warten, stieg ab, stutzte einen Augenblick, zog einen Kompaß aus der Tasche, orientierte sich an einigen Gegenständen, stellte eine Marschzahl ein und verschwand dann im Walde. Dem Wirt kam das alles sehr merkwürdig vor. Offensichtlich hatte der Soldat ihn angelogen. Einen Augenblick mag er überlegt haben, ob er nicht einfach umkehren und wieder heimfahren sollte. Aber da kam der Feldwebel schon mit seinem Kameraden, der übrigens auch die gleiche Feldwebeluniform trug, wie Adolf Schairer feststellte. Den Fuß hatte der andere sich offenbar gehörig verstaucht, denn er hing mehr an Terboven als daß er ging. Man lud sich die gedrungene Gestalt auf, legte sie in das Bräckle und fuhr wieder heim in Richtung Mittelstadt. Der Lammwirt hatte sich inzwischen seine Gedanken über die seltsamen Umstände gemacht, die das Auftreten dieser beiden Soldaten begleiteten.

Feldwebel Böhme, so nannte sich der andere Soldat, wurde auch in das Haus Bergsteigstraße 5 gebracht. Er blieb dort 3 Tage mit seinem verstauchten Fuß auf einer Couch liegen. Schließlich verlangten die Hausinhaber, daß er ins Lazarett gebracht werden sollte. So geschah es auch, Böhme wurde in das Hilfslazarett Reutlingen eingeliefert, das damals in der Hermann-Kurz-Schule eingerichtet war. Feldwebel Gerd Terboven aber hatte sich inzwischen ordnungsgemäß auf dem Rathaus angemeldet, sich beim Ortsgruppenleiter vorgestellt und bezog Lebensmittelmarken. In der Fabrik Eimer & Zweifel, in der außer Boschgeräten Fahrzeuge des NSKK Stuttgart gelagert waren, besorgte er sich ein Motorrad mit Beiwagen. Benzin ließ er aus einem Tank eines abgemeldeten Mittelstädter Privatwagens ab. Er war mit diesem Fahrzeug viel unterwegs und oft tagelang nicht daheim.

Inzwischen versuchte der Lammwirt, sich einen Reim auf die Begleitumstände dieser beiden Feldwebel zu machen, und er kam zu dem Schluß, daß hier etwas nicht stimme. Wer waren diese Feldwebel Terboven und Böhme? Vom letzteren ist nichts Näheres bekannt.

Terboven hingegen wurde am 11. 2. 1924 in Danzig-Langfuhr als Sohn des Drehers Johann Gräber geboren und auf den Namen Gerhard Ilans getauft. Als Gerd-Hans Gräber wurde er auch als noch blutjunger Mensch zur deutschen Wehrmacht eingezogen. Auf den Schlachtfeldern Frankreichs geriet er 1944 in Gefangenschaft. Vom alliierten Geheimdienst als Mitarbeiter angeworben, wurde er dort als Agent ausgebildet, der die Aufgabe hatte, jeweils weit hinter den deutschen Linien mit dem Fallschirm abzuspringen, militärische Objekte und Truppenbewegungen auszukundschaften und die Ergebnisse mittels Funk den Alliierten zu übermitteln. Im Herbst 1944 sprang er als Zwanzigjähriger zum ersten Mal bei Bempflingen ab und schlug sich nach erfolgreicher Tätigkeit wieder durch die deutschen und alliierten Linien nach Frankreich durch. Der zweite Einsatz erfolgte in der Nacht zum 20. März 1945. Ein alliiertes Flugzeug brachte drei Agenten bis über die Gemarkung Walddorf. Hier sprangen sie über einer vom Mond erhellten Lichtung des Schönbuchwaldes ab. Dabei verstauchte einer sich den Fuß, während ein Fallschirm in den Bäumen hängen blieb. Mit falschem Soldbuch und falschem Namen sowie anderen gefälschten Papieren ausgestattet, kam Terboven-Gräber dann nach Mittelstadt. Wo der dritte Agent blieb, ist nicht bekannt. Jedem der drei Spione wurde ein Gebiet zur Beobachtung und Erkundung zugeteilt, Gerd Terboven-Gräber anscheinend das Stück Neckarland von Rottenburg bis Esslingen.

Nach 14 Tagen kam der sogenannte Feldwebel Böhme wieder gesund aus dem Lazarett zurück, blieb noch kurze Zeit in Mittelstadt, um dann plötzlich spurlos zu verschwinden. Gerd Terboven-Gräber suchte inzwischen Kontakte zum Volkssturm; er bekam sie auch. Beim Bau der Panzersperren sowie bei Schießübungen wirkte er beratend mit. Der damalige kommissarische Ortsgruppenleiter Wolfer wurde langsam mißtrauisch, da die Einheit dieses Feldwebels Terboven immer noch nicht eingetroffen war. Wolfer erstattete Meldung an die Polizei und an das Wehrbezirkskommando Reutlingen. Er erhielt keine Antwort.

Terboven-Gräber hatte im Verlauf seines kurzen Aufenthaltes schließlich auch die Zuneigung einer Konsumangestellten gefunden, die unten im Gieß wohnte. Mög-licherweise kannten sich beide auch schon vor Terboven-Gräbers Absprung im Schönbuch. Es wird vermutet, dass diese Angestellte ihm bei seiner Agententätigkeit fleißig geholfen hat. Mit seinem Funkgerät, das er in seinem Rucksack mitbrachte, übermittelte er anscheinend zeitweise vom Lachenhau aus Informationen an die Alliierten. Das Funkgerät wurde angeblich wenige Tage vor dem Umsturz von einem Mittelstädter Volkssturmmann dort gefunden und mit nach Hause genommen. Terboven-Gräber holte es nach Kriegsende bei ihm wieder ab.

Die französischen Truppen näherten sich Mittelstadt. Am Abend des 19. April war Pliezhausen schon in ihrer Hand. Die Neckarbrücke wurde gesprengt. Die Lage war bedrohlich. Terboven-Gräber hatte den Ehrgeiz, den französischen Truppen Mittelstadt kampflos zu übergeben. Seine Motive dazu waren aber anderer Natur als die der meisten Mittelstädter, die den gleichen Wunsch hatten. Wollte er seinen Plan durchsetzen, musste er schnell handeln: Um 23 Uhr desselben Abends schellte es im Schulhaus bei Wolfer. Dieser öffnete arglos und hörte dann, dass jemand die Treppe heraufstürmte — Terboven-Gräber. Sie standen sich gegenüber, der Spion und der Ortsgruppenleiter. Terboven-Gräber bat um eine Unterredung. Wolfer gewährte sie ihm. Beide setzten sich in das kleine Zimmer. Terboven-Gräber zog eine Pistole aus

der Tasche und legte sie vor sich entsichert auf einen Tisch, der zwischen ihnen stand. Wolfer erschrak. Was wollte dieser Mann von ihm? Terboven-Gräber nahm französische Zigaretten aus der Tasche. Da wusste Wolfer alles: Dieser Mann arbeitete im Dienste des Feindes. Terboven forderte Wolfer auf, Mittelstadt kampflos zu übergeben. Dieser entgegnete, dass er dies nicht zu entscheiden habe. Nach weiterem Wortwechsel ging der Agent, Wolfer hörte ihn im Laufschritt durch das Kronengäßle davoneilen. Volkssturmmänner, die ihn auf Anordnung des Ortsgruppenleiters verfolgten, sahen ihn über die Halde und Schütte in Richtung Oferdingen fliehen.

Am anderen Morgen jedoch war er wieder in aller Frühe in seinem Quartier in der Bergsteigstraße. Nach dem Frühstück legte er sich schlafen. Kurz darauf erschienen zwei Volkssturmmänner mit einem Erschießungsbefehl bei seinen Hausleuten. Beide Männer wussten anscheinend, dass der Spion zu Hause war, aber beide waren sich auch darüber im klaren, dass sie den Befehl nicht ausführen konnten, sei es aus Angst, selbst von dem Agenten erschossen zu werden oder aus Verantwortungsbewußtsein gegenüber ihren Mitbürgern. Denn hätten sie den Befehl tatsächlich ausgeführt, so wäre damit sicherlich unermessliches Leid über das Dorf hereingebrochen. Ihren Vorgesetzten brachten sie jedenfalls die Nachricht, dass der Delinquent nicht zu Hause sei.

Wenige Stunden später am Nachmittag fuhren dann ja auch französische Streitkräfte in den Ort herein.

Erst jetzt bekannte Terboven seinen nichtsahnenden Hausleuten, dass er ein Spion in alliierten Diensten sei.

Mit einem französischen Panzer verließ er, jetzt im Zivilrodc, Mittelstadt. Wenn in den Tagen danach den Mittelstädtern durch die Besatzung und die im Ort weilenden Fremdarbeiter verhältnismäßig wenig geschah, so ist das wohl mit sein Verdienst. Nach 3.0 Tagen war der Fallschirmspringer, wie er nun überall im Kreis genannt wurde, wieder da. Er hatte sich einen Mercedes »organisiert«, auf dessen Kofferraumdeckel er sich einen Fallschirm malen ließ. Nicht nur daran merkte man, dass ihm seine Rolle, die er jetzt bei der französischen Militärregierung spielte, zu Kopf gestiegen war. Aus dem vorher sympathischen jungen Mann war jetzt ein anmaßender und arroganter Bursche geworden.

Viel Leid hat er über heimkehrende Soldaten gebracht. Brutal bedrohte er sie mit der Pistole, zwang sie jeweils, in seinen Wagen zu steigen und brachte sie ins Auffanglager nach Reutlingen. Wieviele von diesen Soldaten mögen aus der anschließenden, oft noch Jahre dauernden Gefangenschaft nicht mehr heimgekehrt sein? Bauern, die mit ihren Ackerwagen nicht scharf rechts fuhren, mussten an ihn 5 Mark Strafe zahlen. Übertreter der Sperrstunde zahlten 5o Mark (von 9 Uhr abends bis 6 Uhr morgens bestand Ausgehverbot).

Ende August erschien er eines Abends kurz nach 22 Uhr beim damaligen kommissarischen Bürgermeister Fauser und befahl ihm, zum Rathaus zu kommen. Dort erklärte er ihm, dass einige Mittelstädter die Sperrstunde überschritten hätten. Er wies den Bürgermeister an, sämtliche Personen im Alter von 10-6o Jahren, ausgenommen Kranke, beim Rathaus antreten zu lassen. Im Laufschritt eilte der damalige Büttel durch den Ort, diesen Befehl bekanntzugeben. Alle Mittelstädter kamen, aber keiner wollte die Sperrstunde überschritten haben. Terboven-Gräber kündigte daraufhin an, dass alle anwesenden Personen bis zum nächsten Morgen hier stehen bleiben müßten, wenn sich die Schuldigen nicht melden würden. Einige stellten sich dann. Um 24 Uhr schickte der Fallschirmspringer die Leute dann wieder heim. Für die halbwüchsigen Buben und Mädchen war es ein herrlicher Spaß — für die Verheirateten ein unvergeßlicher Ärger.

Acht Wochen früher zwang Terboven-Gräber den Bürgermeisteramtsverweser Fauser, ihm das Schützenhaus für i000 Reichsmark zu verkaufen. Der Agent ließ das Haus für insgesamt 5400 Reichsmark umbauen, für die damaligen Verhältnisse war das sehr viel Geld. Es wurde ein Haus mit allem nur erdenklichem Komfort. Angeblich war das Haus durch Minen gesichert. Ein Schild warnte jedenfalls davor. Doch dieses Leben in Saus und Braus dauerte nicht lange. Schon im Januar 1946 hatte Terboven-Gräber eine derartige Summe von kleineren und größeren persönlichen Vergehen auf sein Haupt gesammelt, dass er gemäß Verfügung des Sicherheitskommissars der französischen Militärregierung in Reutlingen Kreisverbot erhielt. Er wurde verhaftet und zu den politischen Häftlingen ins Lager nach Balingen gesteckt. Amerikaner holten ihn dort wieder heraus. Wenige Jahre später war er Vertreter der Allgeier-Schlepperfabrik, dann verliert sich seine Spur mehr und mehr. Am 17. Mai 1962 verstarb er in Karlsruhe, Neckarstraße 60, im Alter von erst 38 Jahren. Ein unruhiges Leben zweifelhaften Inhaltes hatte sein Ende gefunden.

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