Die Pliezburg hieß Morseberg

Von der Mittelstädter Martinskirche aus soll einer alten Sage nach in längst vergangener Zeit ein langer, unterirdischer Gang unter dem Neckar durch bis zur spukumwitterten Pliezburg geführt haben, einer Burg, die gegenüber von Mittelstadt auf dem jenseitigen hohen Neckarufer gestanden sein soll. Nachts seien dann die »Nachtfräulein« von der Burg aus durch diesen Gang nach Mittelstadt gekommen, als dienstbare Geister der schlafenden Einwohner.

Ein ganzer Kranz von ähnlichen unheimlichen Sagen und Spukgeschichten ist heute noch in der älteren Generation Mittelstadts lebendig. In all diesen Geschichten erscheint die Pliezburg als ein Ort, an dem es vor allem nachts nicht ganz geheuer war, kurzum, an dem es spukte. Gesehen hat diese Burg keiner der noch lebenden Mittelstädter, manche wollen aber in ihrer Kinderzeit noch aufrecht stehendes altes Gemäuer beobachtet haben. Einige jedoch streiten es rundweg ab, dass hier einmal eine Burg gestanden haben soll und bezeichnen alles als Erfindung und Sage. Was ist nun Wahres an der Pliezburg? Gab es sie nun wirklich?

Wir werden sehen, dass in alten Sagen oft ein Körnlein Wahrheit steckt, manchmal sogar ein großes Korn. Dort, wo die Pliezburg nach Berichten alter Leute ihren Platz gehabt haben soll, gähnt heute im Talhang das große Loch eines Steinbruchs, das sein Material an die Zementfabrik Nürtingen liefert. Durch Augenschein lässt sich jetzt also nichts mehr erhellen.

1957 wurde das Gebiet des seitherigen Steinbruchs vergrößert; beim Abbau der Humusschicht stieß man dabei plötzlich auf Mauerwerk, das eine Stärke von über 1 m aufwies. Das sofort benachrichtigte Amt für Denkmalspflege in Tübingen veranlaßte eine Notgrabung, bei der die sichtbaren Mauerreste aufgenommen wurden. Man war sich damals schon darüber im klaren, dass das Vorgefundene die letzten Zeugen einer mittelalterlichen Burg darstellte. Leider sind die Ergebnisse dieser Grabung noch nicht ausgewertet, so dass wir von dieser Seite noch nichts über die Burg erfahren können. Hier hilft uns nun die Urkundenforschung weiter. Es ist vor allem das Verdienst von Dr. Jänichen, Kirchentellinsfurt, »Licht« in das »Dunkel der Pliezburg« gebracht zu haben. Das nun Folgende fußt im wesentlichen auf seinen Forschungen.

Die Mittelstädter wissen, dass die Mühle am Neckar urkundlich zum ersten mal am 19. Juni 1291 erwähnt wurde. In dieser im Württembergischen Staatsarchiv befindlichen Urkunde, in der Johannes von Wurmlingen die Beilegung seines Streites mit Kloster Pfullingen beurkundet, heißt es u. a.: »Allen den, (die) Bisen brief sehent oder höreng lesen, dun ich, Johannes von Wurmlingen, kurt, daz ich in der mishellung, die ich hete mit den closterfrowen von Pfullingen, sanct claren ordens, umbe ir muli unde ir wer, die stosent an min wisun, die lit zeMörsperg der burg hart verluhet und gegebben .«

Der Name Mörsperg (der Burg) aus dieser Urkunde ist nun tatsächlich der richtige Name für die im Volksmund genannte Pliezburg. Die oben zitierte Urkunde beweist es also, dass es die Pliezburg — Mörsberg wirklich gab. Eine zweite, spätere Urkunde, in der Konrad, Kirchherr von Nürtingen und Pfleger des Gutes zu »Mörspere«, alle wüsten Felder, die zu »Mörspere« gehörten, Bauern aus Pliezhausen zu Erblehen gab, bestätigt diesen Namen. Nach dieser Urkunde gehörten zur Burg Ackerfelder und Wälder, die möglicherweise von einem zur Burg gehörenden Hof bewirtschaftet wurden. Diese Urkunde sagt uns ferner, dass die Burg »Mörspere« um diese Zeit schon leerstand, vielleicht schon zerstört war, da ja die dazugehörigen Felder schon wüst lagen und der Pfleger der Güter in Nürtingen wohnte; einen Burgvogt auf »Mörspere« gab es also offensichtlich nicht mehr. Dr. Jänichen hat auch die Namen der Herren von Mörsberg in alten Urkunden gefunden. Ein Berthold von Mörsberch trat z. B. 1259 auf der Burg Wildenau bei Rübgarten als Zeuge für den Pfalzgrafen von Tübingen auf, ebenfalls ein Johann von Wurmlingen, der nach anderen Urkunden auch Johann von Mörsberg genannt wurde. Diese Herren von Wurmlingen, die sich laut Urkunde auch »von Mörsberch« nannten, hatten die Burg Mörsberg offensichtlich als Lehen von den Tübinger Pfalzgrafen erhalten, diese erwarben sie wahrscheinlich als Zubehör mit dem Schönbuchforst.

Woher stammt nun aber der Name »Mörsberg«? Zu jener Zeit gab es in der Schweiz ein Geschlecht, das sich »von Bürgeln und Mörsberg« nannte. Die Herren dieses Geschlechts waren Vögte und Schützer des Kloster-besitzes der Abtei Allerheiligen in Schaffhausen. Dieses Kloster war nun in unserer Gegend reich mit Besitz gesegnet, vor allem in Pliezhausen und in Bütensulz (eine abgegangene Siedlung zwischen Pliezhausen und Rübgarten), sowie in Riederich und in Neckartenzlingen. Es war für die damalige Zeit nun sehr natürlich, dass man diesen weit vom Kloster entfernten großen Besitz schützte. Dies geschah am besten durch eine Burg, die man in das Zentrum des Güterbesitzes auf einem günstig gelegenen Platz baute. Er fand sich am hochgelegenen Neckarufer, gegenüber von Mittelstadt, das damals noch Muthilstat hieß.

Dr. Jänichen hält es für durchaus möglich, dass es Vogt Adalbert von Mörsberg war, der ums Jahr 1025 diese Burg bei Mittelstadt erbauen ließ und ihr den Namen seines Stammsitzes gab, der in der Schweiz lag. Was zum Abgang der Burg geführt hat, wissen wir nicht, wahrscheinlich aber machte eine Änderung der Besitzverhältnisse der Klostergüter ihre Verwaltung und somit eine Burg überflüssig. Wer heute Spuren der Burg Mörsberg im betreffenden Gelände sucht, findet nicht mehr allzuviel. Nur das kundige Auge entdeckt hier und da Anzeichen, die auf ihre einstmalige Existenz hinweisen: ein schmaler Weg, wahrscheinlich der Aufstieg zur Burg, der beim Märzenbach ansetzt, sich dann im Hangschutt verliert, in halber Höhe des Hanges plötzlich wieder da ist, um schließlich nach ungefähr dreißig Metern jäh am Steinbruchrand zu enden, ferner im abgeschobenen Humus hier und da Ziegelreste, die auf Mönch-Nonnen-Dachdeckung hinweisen, Neckarkiesel und Sandsteinplatten zwischen Königskerze und Buchengebüsch sowie alte, tiefe Gräben am Märzenbachhang. Der Blick reicht von diesem hochgelegenen Platze aus vom Hohenneuffen bis zum Hohenzollern, streift die Türme Reutlingens und kehrt zurück zum Neckar, der unterhalb des Hanges träge vorbeiströmt, heute, wie vor wo Jahren, als sich Burg Mörsberg noch in seinem Wasser spiegelte.

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