Bader, Balbierer, Wundärzte und Mediziner

Wenn vor vierhundert Jahren in Mittelstadt jemand krank wurde, ging er zum Bader Daniel Wanner, der ihn behandelte, so gut er konnte. Denn dieser Bader war durch eine im Fleckenlagerbuch von 1570 niedergeschriebene Anweisung verpflichtet, nicht nur »in der Wochen fürohin allwegen ein Bad« zu geben, sondern hatte auch die Versorgung nach Notdurft mit . . . Schröpfen und Riben (massieren?) wie dann vor und hinter uns der Brauch ist ungefährlich«, inne.

Vom heutigen Stand der medizinischen Wissenschaften ausgesehen, muss es schon ein gewisses Wagnis gewesen sein, sich von einem solchen in ärztlichen Dingen mehr oder weniger unerfahrenen Bader behandeln zu lassen.

Die württembergische Regierung unter Herzog Christoph erließ darum auch noch im selben Jahrhundert in ihrer berühmt gewordenen »Landtsordnung« ein Gesetz, das die Überschrift trug »Von Wundarztzeten und Balbierern«. Hierin wird verfügt, daß »hinfüro in Stetten und Dörfern Unsers Fürstenthumbs sich kein neuer Balbierer oder Bader, er seie jung oder alt, Meister oder Knecht, der Wundarztney undernehmen und sie üben wölle, er seie denn zuvor durch die Unsern zu Stutgarten und Tübingen hierzu verordnet, examiniert, erfahren und dazu taugendlich befunden, alles, das er erlernet hab aller Wunden art und eigenschaft von der Scheitel an dem Menschen bis auf die Fersin hinab und wiß, was für Wundtrank, Band, Pflaster und andere Notturft zu jeder Wunden Schäden und Beinbrüchen gehörig sein . . .

Aus den umfangreichen Güterbüchern und anderen, auf dem Rathaus befindlichen Urkunden der vergangenen Jahrhunderte wissen wir, dass Mittelstadt eigentlich immer mit einem oder gar zwei Wundärzten versorgt war; sie nannten sich zuweilen auch Physici.

Aderlassen war eine sehr oft geübte Maßnahme der Wundärzte dieser Zeit. Die »Lässe«, wie sie auch im Volksmund genannt wurde, half gegebenenfalls bei allen Krankheiten.

Sebastian SaiIer, der schwäbische Dialektdichter des 18. Jahrhunderts, veranschaulichte das sehr schön in einem Duett zwischen Bauer (B) und Doktor (D), dessen schönste Stelle dem Leser unseres Heimatbuches nicht vorenthalten werden soll.

B. Jetzt kommt mar's ins G'nick

D. Zum Bader g'schwind schick!

B. Jetzt haun ih's im Bauch.

D. Die Aderlaß brauch.

B. Mich schticht's und grimmt's.

D. Nur d'Aderläß nimmt's.

B. Ih stirb, wie ih g'schpür!

D. Laß Ader dafür.

B. Jetzt g'schpür ih's im Mage.

D. Ein Ader laß schlage.

B. 'sbrennt wia a Glut.

D. 's ist Aderläß gut.

B. 's schneidt wia Messer.

D. Die Lässe macht' besser.

B. 's schticht wia a Pfeil.

D. Zur Aderläß eil.

B. Ih schwitz wia a Sau.

D. Auf d' Aderläß trau.

B. Jetzt kommt mars in d' Hände

D. Zur Lässe behend.

B. Ih ka's itt verleida.

D. Thu d' Lässle itt meida.

B. Jetzt kommt mar's in d'Füeß.

D. Durch d' Aderlaß büeß.

B. Jetzt wear ih ganz schteif.

D. Zur Aderläß greif.

B. jetzt fährt mar's ins G'säß.

D. Gut macht's d'

Das Blut wurde meist aus der Vene entnommen, beim kleinen Aderlaß ca. 200 ccm, beim großen rund 50o ccm.

Einfach war das Schlagen einer Ader nicht, es wollte geübt sein. Doch wer sich nicht auskannte, griff zu einer Aderlaßtafel, wie sie damals käuflich waren. Trotz der sicherlich aufrichtigen Bemühungen der damaligen Ärzte war die Lebenserwartung der Menschen jener Zeit nicht sehr groß. Sie betrug bei einem Neugeborenen um 188o z. B. etwa 35 Jahre, während heute ein Neugeborener dank der Fortschritte in Hygiene und Medizin eine durchschnittliche Lebenserwartung von 67 Jahren hat, bei Frauen liegt sie sogar bei 72 Jahren.

Wir Mittelstädter freuen uns, dass wir unser Leben in kranken Tagen nicht mehr Badern, Balbierern und Wundärzten anvertrauen müssen, sondern auf die Hilfe von zwei tüchtigen Medizinern rechnen können, auf den praktischen Arzt Dr. med. Rudolf Bauer, der 1948 nach Mittelstadt kam und auf den Zahnarzt Dr. med. dent. Martin Günther, der seit dem 1. März 1952 in unserem Dorfe praktiziert.

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