Die Entwicklung der Genossenschaftsbank Mittelstadt

Wenn wir heute unsere Genossenschaftsbank auch als »Dorfbank« bezeichnen, so kann nichts besser die Verbundenheit dieser Einrichtung mit unseren Bürgern zum Ausdruck bringen. Sie ist zusammen mit unserer Heimatgemeinde langsam aber stetig herangewachsen und wäre heute aus ihrem Wirtschaftsleben gar nicht mehr weg-zudenken. Sie ist ein Teil unseres Dorfes, werden doch ihre Dienste von den Bürgern, ihren Mitgliedern, seit Generationen in Anspruch genommen.

Wenn wir nun die Gründung und langsame Entwicklung unserer Genossenschaft zurückverfolgen wollen, so müssen wir bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurückgehen. In den Haupt- und Kreisstädten gab es zwar damals schon Banken und Sparkassen, diese waren jedoch für die Landbevölkerung bei den ungenügenden Verkehrs-verhältnissen zu weit entfernt. Das Landvolk war deshalb mit seinem Geldverkehr weitgehend auf die Vieh- und Produktenhändler angewiesen, die ihre Machtstellung als Geldgeber und Lieferanten nicht selten in eigennütziger Weise auszunutzen verstanden. Dieses Ausgeliefertsein endete für den kleinen Bauern nicht selten, vor allem in Missjahren, mit der Zwangsversteigerung seines Hofes.

So war es auch auf den rauhen Höhen des Westerwaldes, wo die Bevölkerung nach den Missernten der Jahre 1846/47 buchstäblich dem Hungertod nahe war. Da rief der Bürgermeister Friedrich Wilhelm Raiffeisen die Bewohner seines Dorfes, die noch einige Taler besaßen, auf, dieses Geld zur Verfügung zu stellen, damit die Möglichkeit bestand, lebenswichtiges Getreide einzukaufen und zu verteilen, nach dem von ihm geprägten Wort: »Einer für alle, und alle für einen«.

Im Jahre 1862 gründete Raiffeisen in seiner Gemeinde Ahnhausen den ersten so-genannten Darlehenskassenverein und schrieb bald darauf sein Buch: »Die Dar-lehenskassenvereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung.« Dadurch wurde Raiffeisen und seine Idee der gegenseitigen Hilfe im Sinne der christlichen Nächstenliebe im ganzen damaligen Deutschen Reich bekannt und überall versammelten sich weitblickende Männer und gründeten, meist unter dem Vorsitz des Bürgermeisters, in ihrem Dorf einen Darlehens-Kassen-Verein im Sinne Friedrich Wilhelm Raiffeisens.

So geschah es auch in Mittelstadt. Am 17. Dezember 1898 versammelten sich im Saal des damaligen alten Rathauses unter Vorsitz von Schultheiß Knecht 53 Einwohner. Aus dem heute noch vorliegenden Protokoll kann darüber folgendes entnommen werden: »Heute haben sich im Saal des Rathauses auf Einladung und unter dem Vor-sitz von Schuhheiß Knecht und von Ludwig Knecht, Gemeindepfleger, eine Anzahl hiesiger Einwohner versammelt, um einen Darlehenskassenverein zu gründen.«

Hauptstraße. An den Stellen des zweiten Hauses steht die 1965 neuerbaute Genossenschaftsbank

Es wurde zu diesem Zweck das vom Verband landwirtschaftlicher Kreditgenossenschaften in Württemberg bezogene Statut verlesen und vereinbart, dass der Geschäfts-anteil wo Mark und die Einzahlungen monatlich mindestens i Mark betragen sollten. Hernach wurde das Statut von den 53 Anwesenden unterzeichnet. Der Verein hatte den Zweck, seinen Mitgliedern, die zu ihrem Geschäfts- und Wirtschaftsbetriebe nötigen Geldmittel in verzinslichen Darlehen zu beschaffen, sowie Gelegenheit zu geben, müßig liegende Gelder verzinslich anzulegen.

Nachdem der Verein sich gebildet hatte, traten seine Mitglieder zur ersten General-versammlung zusammen und führten Wahlen durch.

Als Vorsteher wurde Schultheiß Knecht und als Rechner Gemeindepfleger Ludwig Knecht gewählt.

Zunächst spielte sich der Geschäftsbetrieb in bescheidenem Rahmen im Wohnzimmer des Rechners ab. Er versah das Amt als Nebenberuf in den Abendstunden. Damit war dem Bedürfnis der Bevölkerung, die wenigen Spargroschen sicher anlegen zu können, vollauf Genüge getan. Die Gelder wurden zu dem günstigen Zinssatz von 41/20/0 bis nach der Jahrhundertwende ausgeliehen.

Bis zum Beginn des i. Weltkrieges war die Mitgliederzahl auf 121 angewachsen, doch brachten die Jahre des Krieges und die darauffolgende Inflation der Genossenschaft einen Rückschlag. Nach der Inflation konnte sich der Darlehenskassenverein gemäß der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung wieder etwas erholen. Dem Protokoll der Generalversammlung des Jahres 1927 ist zu entnehmen, dass der Einlagenhöchstbetrag auf 100 000 RM und der Kredithöchstbetrag von loco auf 2000 RM erhöht wurde. Auch ist interessant, dass bei den Generalversammlungen festgelegt wurde, welche Waren gemeinschaftlich eingekauft werden sollten. So wurde bei der Generalversammlung 1928 beschlossen, 300 Ztr. Thomasmehl, 200 Ztr. Mais, 150 Ztr. Kalk, 300 Ztr. Leinmehl einzukaufen. Die eintreffenden Waren wurden in der Scheune eines Mitglieds verteilt.

1935 nahm die Generalversammlung ein neues Statut an, in dem der Zweck des Unternehmens wie folgt beschrieben war: Der Gegenstand des Unternehmens ist der Betrieb einer Spar- und Darlehenskasse,

zur Pflege des Geld- und Kreditverkehrs und zur Förderung des Sparsinnes,

zur Pflege des Warenverkehrs,

zur Förderung der Maschinenbenutzung.

Um eine eigene Lagermöglichkeit zu erhalten und günstiger einkaufen zu können, wurde 1928 mit dem Bau des Lagerschuppens in der Johannesstraße begonnen. Dieser Schuppen wurde zunächst als Fachwerkbau mit Bretterverschalung erstellt und im Jahre 1955 erweitert. In das Untergeschoß wurde im Jahre 1956 eine Gemeinschaftsgefrieranlage mit 52 Truhen sowie ein Kühlraum eingebaut.

Nachdem im Jahre 195o die Dreschmaschine von Georg Kuhn übernommen worden war, zeigte es sich sehr bald, dass der Dreschbetrieb mit einer Maschine nicht zu bewältigen war. Deshalb wurde noch eine zweite Maschine beschafft und ein Dresch-schuppen auf dem Grundstück in der Johannesstraße errichtet.

Ab 1951 wurde auch die Versorgung der Einwohnerschaft mit Kohlen verstärkt betrieben, so dass die Genossenschaft heute ihren Mitgliedern und Kunden mit der prompten Lieferung von landwirtschaftlichen Bedarfsartikeln und Brennstoffen dienen kann.

Das wirtschaftliche und politische Geschehen der 20er und 3oer Jahre schlug sich auch in der Entwicklung der Genossenschaft nieder. So waren bis zur Währungsreform im Jahre 1948 die Spareinlagen stark angestiegen, während die Darlehen vollständig zurückbezahlt wurden. Nachdem durch den Währungsschnitt die Spareinlagen auf ca. 10 % reduziert worden waren und das Wirtschaftsleben nur sehr langsam wieder in Gang kam, dauerte es noch bis etwa zum Jahre 1954, bis auch im Geldgeschäft wieder eine allmähliche Besserung einsetzte. Der zunehmende Geschäftsumfang machte es erforderlich, den Rechner 1958 hauptamtlich anzustellen und weitere Kräfte zu beschäftigen.

Dies hatte zur Voraussetzung, dass eigene Geschäftsräume gemietet wurden, die von der Gemeindeverwaltung in günstiger Lage zu erhalten waren. Auch die Anschaffung moderner Büro- und Buchungsmaschinen wurde erforderlich. Nachdem im Jahre 1963 die Mitgliederzahl auf über 500 angestiegen war und man voraussehen konnte, daß der zunehmende Geschäftsbetrieb auf die Dauer in den begrenzten Mieträumen nicht mehr abgewickelt werden kann, sah sich die Verwaltung genötigt, sich nach einem geeigneten Bauplatz für ein eigenes Bankgebäude umzusehen. Ein solcher konnte schließlich auch in günstiger Lage in der Hauptstraße erworben werden. Mit den Bauarbeiten wurde im Frühjahr 2965 begonnen.

Bezeichnung:

1898 – 1933: Darlehenskassen-Verein eGmbH

1933 – 1959: Spar- und Darlehenskasse eGmbH

Ab 1959: Genossenschaftsbank eGmbH

Vorstand:

1898 – 1899: Schultheiß Knecht

1899 – 1900: Stellv. Reiff

1900 – 1910: Röhm

1911 – 1912: Wurst

1913 – 1919: Schultheiß Striffler

1919 – 1920: Wilh. Rebmann

1920 – 1923: Schultheiß Wenzelburger

1923 – 1930: Albert Röhm

1930 – 1947: Wilhelm Veit

1947 – 1959: Gottlob Wandel

Ab 1959: Fritz Kühner

Rechner:

1898 – 1923: Ludwig Knecht

1923 – 1932: Gottlob Fauser

1932 – 1944: Hermann Knecht

Ab 1944: Friedrich Kurz

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