Bevölkerungsentwicklung
Historische Einschnitte und Bevölkerungsverluste
Die Bevölkerungsentwicklung Mittelstadts ist über die Jahrhunderte hinweg eng mit historischen Ereignissen verknüpft. Einen tiefen Einschnitt bedeutete die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Nach der Schlacht von Nördlingen am 6. September 1634 wurde der Ort durch zurückweichende schwedische sowie nachrückende kaiserliche Truppen schwer in Mitleidenschaft gezogen. Gewalt, Brände und die Ausbreitung der Pest führten dazu, dass rund 300 Einwohner ihr Leben verloren.
Auch die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts hinterließen deutliche Spuren in der Bevölkerungsstatistik. Der Erster Weltkrieg sowie der Zweiter Weltkrieg führten nicht nur zu zahlreichen Gefallenen, sondern auch zu einem erheblichen Rückgang der Geburtenzahlen. So lag die Einwohnerzahl im Jahr 1945 deutlich unter dem Stand von 1933, mit einem Minus von 87 Personen.
Auswanderung und internationale Zuwanderung
Neben kriegsbedingten Verlusten prägte auch die Auswanderung die Entwicklung Mittelstadts. Seit dem Jahr 1870 verließen insgesamt 105 Menschen den Ort in Richtung Amerika, darunter 33 Frauen. Diese Bewegung war Teil einer breiteren Auswanderungswelle, die viele Regionen Deutschlands erfasste.
Gleichzeitig wurde Mittelstadt im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend Ziel von Zuwanderung. Am 31. März 1965 lebten 86 ausländische Staatsangehörige im Ort, die überwiegend in Industrie- und Handwerksbetrieben beschäftigt waren. Die Herkunft dieser Menschen spiegelte die damaligen Arbeitsmigrationen wider: Die größte Gruppe stellten Griechen, gefolgt von Italienern, Portugiesen und weiteren europäischen Nationalitäten.
Konfessionelle Struktur und Nachkriegsbevölkerung
Die konfessionelle Zusammensetzung der Bevölkerung zeigte Mitte der 1960er Jahre ein vielfältiges Bild. Neben Angehörigen der evangelischen Landeskirche und der katholischen Kirche gab es auch Mitglieder evangelischer Gemeinschaften sowie Einwohner anderer Religionszugehörigkeiten.
Ein bedeutender Anteil der Bevölkerung bestand zudem aus sogenannten Ausgewiesenen und Vertriebenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Mittelstadt kamen. Im Jahr 1965 wurden rund 270 Personen aus verschiedenen Herkunftsgebieten gezählt. Dazu gehörten Menschen aus Regionen wie Jugoslawien, Schlesien, Danzig, dem Sudetenland, Pommern, Russland, Ungarn, Ostpreußen sowie aus der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands. Diese Zuwanderung veränderte die soziale Struktur des Ortes nachhaltig.
Aus- und Einpendler in Mittelstadt von 1949 - 1964
|
Jahr |
Einpendler |
Auspendler |
|---|---|---|
|
1949 |
78 |
367 |
|
1954 |
90 |
482 |
|
1959 |
152 |
536 |
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1964 |
159 |
571 |
Bevölkerungsentwicklung in der jüngeren Zeit
Die Einwohnerzahlen Mittelstadts zeigen auch in der jüngeren Vergangenheit eine moderate, aber stetige Entwicklung. Im Dezember 2012 lebten 3.438 Menschen im Ort. Bereits im Juli 2013 stieg die Zahl auf 3.458 Einwohner an. Diese leichte Zunahme setzte sich langfristig fort.
Im Jahr 2022 wurde eine Einwohnerzahl von 3.575 erreicht. Für das Jahr 2023 wird eine Bevölkerungszahl von 3.507 angegeben, was auf geringfügige Schwankungen im Rahmen einer insgesamt stabilen Entwicklung hinweist.
Bevölkerungsentwicklung ab 2012
|
Jahr |
Einwohner |
Einwohner / Hektar |
|---|---|---|
|
2012 |
3438 |
5,3 |
|
2013 |
3458 |
5,4 |
|
2022 |
3575 |
5,5 |
|
2023 |
3507 |
5,4 |
Siedlungsstruktur und Flächennutzung
Die Beziehung zwischen Einwohnerzahl und Fläche verdeutlicht die Siedlungsstruktur Mittelstadts. Im Jahr 2013 lag die Bevölkerungsdichte bei rund 5,36 Einwohnern pro Hektar und damit deutlich unter dem Durchschnitt des gesamten Stadtgebiets von Reutlingen, das eine wesentlich höhere Dichte aufweist.
Im Jahr 2022 umfasste die Gemarkungsfläche Mittelstadts rund 6,46 Millionen Quadratmeter mit insgesamt 3.184 Flurstücken. Daraus ergibt sich rechnerisch eine Fläche von etwa 1.806 Quadratmetern pro Einwohner. Im Vergleich dazu liegt dieser Wert im gesamten Stadtgebiet Reutlingens bei rund 747 Quadratmetern pro Einwohner. Diese Zahlen unterstreichen den eher ländlich geprägten Charakter Mittelstadts innerhalb des größeren Stadtgefüges.
Bader, Balbierer und Wundärzte im alten Mittelstadt
Wenn vor rund vierhundert Jahren in Mittelstadt jemand erkrankte, führte der erste Weg meist zum Bader Daniel Wanner. Seine Aufgaben waren vielfältig und gingen weit über das Baden hinaus. Bereits im Fleckenlagerbuch von 1570 ist festgehalten, dass er verpflichtet war, „in der Wochen fürohin allwegen ein Bad“ zu geben. Darüber hinaus gehörten auch Schröpfen, Reiben und andere heilkundliche Maßnahmen zu seinen Tätigkeiten, wie es „vor und hinter uns der Brauch ist ungefährlich“.
Aus heutiger Sicht erscheint das Vertrauen in einen Bader als medizinische Autorität durchaus gewagt. Die Kenntnisse solcher Heilkundiger beruhten oftmals auf Erfahrung und Überlieferung, nicht jedoch auf einer wissenschaftlich fundierten Ausbildung. Dennoch waren Bader und Balbierer über Jahrhunderte hinweg die wichtigsten Ansprechpartner bei Krankheiten und Verletzungen.
Herzog Christophs neue Ordnung für die Heilkunst
Die württembergische Regierung erkannte bereits im 16. Jahrhundert die Notwendigkeit, medizinische Tätigkeiten stärker zu regeln. Herzog Christoph erließ deshalb in seiner berühmten „Landtsordnung“ ein Gesetz mit der Überschrift „Von Wundarztzeten und Balbierern“. Darin wurde bestimmt, dass künftig kein neuer Balbierer oder Bader die Wundarznei ausüben dürfe, ohne zuvor in Stuttgart oder Tübingen geprüft und für tauglich befunden worden zu sein.
Die Verordnung verlangte umfassende Kenntnisse über die Behandlung aller Arten von Wunden und Knochenbrüchen sowie über die Anwendung von Wundtränken, Verbänden und Pflastern. Damit entstand erstmals eine Art staatlich kontrollierter medizinischer Qualifikation.
Wundärzte und die Praxis des Aderlassens
Aus den umfangreichen Güterbüchern und anderen Urkunden des Mittelstädter Rathauses geht hervor, dass der Ort über lange Zeit hinweg stets von einem oder sogar zwei Wundärzten versorgt wurde. Teilweise bezeichneten sie sich auch als „Physici“.
Eine der häufigsten Behandlungsmethoden jener Zeit war der Aderlass, im Volksmund schlicht „die Lässe“ genannt. Diese Maßnahme galt beinahe als Allheilmittel und wurde bei den unterschiedlichsten Krankheiten angewendet. Dabei entnahm man dem Patienten Blut aus einer Vene – beim kleinen Aderlass etwa 200 Kubikzentimeter, beim großen bis zu 500 Kubikzentimeter.
Das Öffnen einer Ader erforderte Erfahrung und Geschick. Wer darüber nicht ausreichend verfügte, griff auf sogenannte Aderlasstafeln zurück, die damals käuflich erhältlich waren und Hinweise zur richtigen Durchführung gaben.
Geringe Lebenserwartung trotz ärztlicher Bemühungen
Trotz aller Bemühungen der damaligen Heilkundigen blieb die Lebenserwartung der Menschen vergleichsweise niedrig. Um das Jahr 1880 lag die durchschnittliche Lebenserwartung eines Neugeborenen lediglich bei etwa 35 Jahren. Krankheiten, mangelnde Hygiene und fehlende medizinische Kenntnisse führten häufig zu frühen Todesfällen.
Erst die Fortschritte in Medizin und Hygiene verbesserten die Lebensbedingungen nachhaltig. Heute erreichen Menschen ein deutlich höheres Lebensalter. Bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lag die durchschnittliche Lebenserwartung eines Neugeborenen bei etwa 67 Jahren, bei Frauen sogar bei rund 72 Jahren.
Moderne medizinische Versorgung in Mittelstadt
Die Mittelstädter Bevölkerung konnte sich daher glücklich schätzen, medizinische Hilfe nicht länger ausschließlich Badern, Balbierern oder Wundärzten anvertrauen zu müssen. Stattdessen standen moderne Ärzte mit wissenschaftlicher Ausbildung zur Verfügung.
