Geschichte, Fluren und Leben
Das heutige Mittelstadt blickt auf eine lange und vielschichtige Geschichte zurück. Eingebettet in die Neckarlandschaft zwischen Reutlingen, Neckartenzlingen und Pliezhausen entwickelte sich der Ort über viele Jahrhunderte hinweg aus wenigen frühen Hofstellen zu einem gewachsenen Dorf mit eigener kultureller und landwirtschaftlicher Prägung. Alte Urkunden, Flurnamen, Bodenfunde und mündliche Überlieferungen geben bis heute Einblicke in die frühe Besiedlung und in das Leben der Menschen vergangener Jahrhunderte.
Der Ursprung des Ortsnamens
Die älteste überlieferte Form des Ortsnamens lautet „Muthilstat“ und begegnet in einer Urkunde des Jahres 1268. Bereits 1245 erscheint allerdings ein „B. de Mvtilstat“ als Zeuge in einer Urkunde der Grafen von Berg. Nach heutigem Forschungsstand gilt dieses Jahr daher als die erste schriftliche Erwähnung Mittelstadts.
Die Herkunft des Namens ist bis heute nicht endgültig geklärt. Sprachwissenschaftlich setzt er sich aus dem Bestimmungswort „Muthil“ und dem Grundwort „stat“ zusammen. Das Wort „stat“ bedeutete ursprünglich wohl „Stätte“ oder „Ort“. Möglicherweise bezog es sich auf eine alte Furt über den Neckar oder auf eine bereits in römischer Zeit bekannte Siedlungsstelle im Bereich der heutigen Kirche. Das Bestimmungswort „Muthil“ wird meist auf den alamannischen Personennamen „Muthilo“ zurückgeführt. Danach könnte „Muthilstat“ die Siedlung oder Stelle eines Alamannen namens Muthilo bezeichnet haben.
Im Laufe des Spätmittelalters wurde der Name zunehmend im Sinne von „Ort in der Mitte“ umgedeutet, woraus sich schließlich die heutige Form „Mittelstadt“ entwickelte.
Alamannen und die Entstehung der Siedlung
Die Geschichte Mittelstadts ist eng mit der alamannischen Landnahme verbunden. Nachdem die Römer um das Jahr 260 n. Chr. den Limes aufgeben mussten, drangen die Alamannen in das Gebiet südwestlich des Neckars vor. Die römischen Kastelle wurden verlassen oder zerstört, und das Land nördlich der Donau geriet unter alamannische Herrschaft.
Die ersten Siedlungen entstanden bevorzugt dort, wo bereits fruchtbares Land erschlossen war. Gerade ehemalige römische Gutshöfe boten günstige Voraussetzungen für eine dauerhafte Ansiedlung. Auch auf der Gemarkung Mittelstadt weisen zahlreiche Funde darauf hin, dass hier bereits in römischer Zeit landwirtschaftliche Betriebe bestanden.
Die alamannischen Ursiedlungen bestanden zunächst nicht aus geschlossenen Dörfern, sondern aus einzelnen Höfen. Erst im Laufe vieler Jahrhunderte wuchsen diese allmählich zu einem Dorf zusammen. Dieser Prozess war in Mittelstadt vermutlich erst im 15. oder 16. Jahrhundert vollständig abgeschlossen.
Römische Spuren auf Mittelstädter Boden
Schon früh wurde Mittelstadt als alter Römerort angesehen. Tatsächlich konnten an mehreren Stellen der Gemarkung römische Überreste nachgewiesen werden. Bereits 1908 fand man beim Zehnthof profilierte römische Werksteine. Weitere Gebäudereste wurden später im Lachenhau entdeckt. Flurnamen wie „Bei den Mauern“ oder „Steinige“ deuten ebenfalls auf ehemalige römische Bauten hin.
Insgesamt lassen sich mindestens vier römische Gutshöfe auf der heutigen Markung annehmen. Wahrscheinlich siedelten die Alamannen später bewusst in der Nähe dieser bestehenden Anlagen, da die Böden bereits erschlossen und besonders ertragreich waren. Möglicherweise blieb sogar ein Teil der römisch-keltischen Bevölkerung auch nach dem Rückzug der Römer vor Ort.
Die ersten Höfe von Muthilstat
Flurnamen und Geländeformen geben Hinweise auf die ältesten Hofstellen Mittelstadts. Besonders bedeutsam sind dabei die sogenannten „Braiken“, fruchtbare und siedlungsnahe Ackergebiete. Drei solcher Bereiche gelten als Keimzellen der frühen Siedlung: die Kapf-Braike, die Strengel-Braike und die Hofstatt-Braike.
Der bedeutendste dieser Höfe lag vermutlich im Bereich des heutigen Zehnthofs. Dort befand sich ein großer, zusammenhängender Besitz mit Äckern, Wiesen und wahrscheinlich auch der Mühle am Neckar. Viele Hinweise sprechen dafür, dass hier jener Alamannenhof stand, der dem Ort seinen Namen gab.
Ein weiterer früher Hof befand sich im Strengel. Dort weist ein auffälliger Hohlweg auf eine einstige Hofzufahrt hin. Ein dritter großer Hof lag im Bereich der Hofstatt, nahe dem späteren Gasthof „Zum Lamm“. Bereits im 17. Jahrhundert war diese Hofstelle allerdings verschwunden und nur noch als Ackerfläche erhalten.
Mittelstadt im Hochmittelalter
Im 13. Jahrhundert war Mittelstadt bereits ein kleiner, aber bedeutender Ort mit mehreren adeligen Hofgütern. Urkunden nennen Besitzungen der Grafen von Berg, der Herren von Hohenberg sowie weiterer Adelsfamilien. Ein niederadeliger Dienstmann namens „B. de Mutilstat“ erscheint mehrfach als Zeuge in bergischen Urkunden und gilt als Vertreter eines örtlichen Adelsgeschlechts.
Auch ein Burgstall wird überliefert. Der Sitz dieses Ortsadels dürfte sich dort befunden haben, wo bis heute die Flurbezeichnung „Auf Burg“ erhalten geblieben ist. Obwohl keine sichtbaren Überreste mehr vorhanden sind, erinnert der Name weiterhin an diese frühe Adelsburg.
Um 1250 dürfte Mittelstadt etwa ein Dutzend größere Höfe und ungefähr 80 bis 100 Einwohner umfasst haben. Erst spätere Rodungen und die Erschließung neuer Flächen ermöglichten ein weiteres Wachstum des Dorfes.
Die Entwicklung der Gemarkung
Die heutige Gemarkung Mittelstadts entstand nicht auf einmal, sondern entwickelte sich über viele Jahrhunderte hinweg. Alte Flurnamen und Grenzbezeichnungen zeigen, dass einzelne Bereiche ursprünglich zu anderen Siedlungen oder Gemarkungen gehört haben könnten. Besonders die Fluren „Auf dem Hof“, „Brühl“ und „Lange Äcker“ gelten als Überreste einer abgegangenen Siedlung, deren ursprünglicher Name unbekannt ist.
Auch Reicheneck war vermutlich lange eng mit Mittelstadt verbunden. Beide Orte besaßen gemeinsame Weiderechte und besondere Steuerfreiheiten. Erst im Laufe der Neuzeit trennten sich die beiden Gemeinden endgültig voneinander.
Das Bild der heutigen Fluren entstand durch jahrhundertelange Teilungen, Verkäufe und Erbschaften. Besonders die Realteilung führte dazu, dass der Besitz vieler Bauern immer stärker zerstückelt wurde. Dadurch entstanden die typischen schmalen und langgezogenen Ackerstücke, die im Volksmund oft „Handtücher“ oder „Hosenträger“ genannt wurden.
Dreifelderwirtschaft und bäuerliches Leben
Über viele Jahrhunderte bestimmte die Dreifelderwirtschaft das bäuerliche Leben in Mittelstadt. Die gesamte Ackerflur war in drei große Bereiche, sogenannte „Zeigen“, eingeteilt: Hardt, Halden und Berg. Auf jedem dieser Felder wechselten sich Winterfrucht, Sommerfrucht und Brache regelmäßig ab.
Dieses System diente der Bodenschonung und war an die Möglichkeiten einer Landwirtschaft ohne Kunstdünger angepasst. Angebaut wurden vor allem Dinkel, Roggen, Weizen, Hafer und Gerste. Die Brache diente zugleich als Viehweide.
Mit der Einführung der Stallfütterung und später des Kunstdüngers wandelte sich die Landwirtschaft allmählich. Dennoch blieben viele Begriffe und Gewohnheiten der alten Dreifelderwirtschaft im bäuerlichen Sprachgebrauch bis in die Gegenwart erhalten.
Die Allmende – gemeinsamer Besitz des Dorfes
Eine wichtige Rolle spielte früher die sogenannte Allmende, also der gemeinschaftliche Besitz der Dorfbewohner. Dazu gehörten Wälder, Wege, Weiden und andere gemeinschaftlich genutzte Flächen. Besonders an den Gemarkungsrändern lagen große Weidegebiete, auf denen das Vieh gemeinsam gehütet wurde.
Im 18. Jahrhundert geriet dieses System zunehmend unter Druck. Die Bevölkerung wuchs, und viele Einwohner verlangten die Aufteilung der Allmenden in private Ackerstücke. Nach langen Auseinandersetzungen setzte sich schließlich die Stallfütterung durch, wodurch die gemeinschaftlichen Viehweiden an Bedeutung verloren. Im 19. Jahrhundert wurden die Allmenden schrittweise verteilt und neu geordnet.
Wege, Straßen und Brücken
Das mittelalterliche Wegenetz Mittelstadts lässt sich noch heute teilweise nachvollziehen. Die wichtigste Straße war die „allgemeine Gass“, die heutige Hauptstraße. Daneben bestanden alte Fernwege wie die Heergasse, die vermutlich Teil einer bedeutenden Verbindung zwischen Straßburg und Ulm war.
Besondere Bedeutung hatte stets die Neckarbrücke. Mehrfach musste sie erneuert oder repariert werden. 1878 entstand eine eiserne Brücke, die jedoch schon wenige Jahrzehnte später als zu schwach galt. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie gesprengt, später jedoch wieder aufgebaut.
Auch alte Wegerechte und Grenzsteine spielten eine große Rolle. Regelmäßige Markungsumgänge dienten dazu, die Grenzen zu überprüfen und Streitigkeiten mit Nachbarorten zu vermeiden. Diese Traditionen zeigen, wie eng das Leben der Menschen mit ihrer Gemarkung verbunden war.
Die geheimnisvolle Pliezburg
Gegenüber von Mittelstadt, auf der anderen Seite des Neckars, befand sich einst die sogenannte Pliezburg. In alten Sagen wurde sie als geheimnisvoller Ort beschrieben, von dem unterirdische Gänge bis zur Martinskirche geführt haben sollen. Noch heute leben zahlreiche Spukgeschichten rund um diesen Platz fort.
Tatsächlich konnten archäologische Untersuchungen im Bereich eines späteren Steinbruchs Reste mittelalterlicher Mauern nachweisen. Alte Urkunden nennen die Burg „Mörsberg“. Sie gehörte vermutlich den Herren von Wurmlingen beziehungsweise den Herren von Mörsberg und diente dem Schutz klösterlicher Besitzungen in der Umgebung.
Wann die Burg aufgegeben wurde, ist nicht genau bekannt. Bereits im 14. Jahrhundert scheinen die zugehörigen Güter verlassen gewesen zu sein. Heute erinnern nur noch wenige Spuren im Gelände an die einstige Anlage.
Flurnamen als Zeugnisse der Vergangenheit
Die Flurnamen Mittelstadts bewahren bis heute zahlreiche Hinweise auf frühere Landschaftsformen, Besitzverhältnisse und historische Ereignisse. Namen wie „Bei den Mauern“, „Kreuzsteine“, „Blauhut“ oder „Auf dem Hof“ erzählen von alten Gebäuden, Grenzverläufen, Weideflächen oder längst verschwundenen Höfen.
Viele dieser Bezeichnungen reichen bis ins Mittelalter oder sogar in die alamannische Besiedlungszeit zurück. Sie bilden damit ein wertvolles sprachliches Gedächtnis des Dorfes und geben bis heute Einblicke in die jahrhundertelange Entwicklung der Mittelstädter Landschaft.
Au
Das Wort bedeutet soviel wie »Land am Wasser, nasse Wiese, Insel«. Wirtschaftlich besaßen Auen oft eine rechtliche Sonderstellung und gehörten zumeist als ungeteilte Wiese zu einem frühen Herrenhof.
Auchtert
(1760 auch Hagenwiese genannt — Farrenwiese). In Aucht steckt das althochdeutsche Wort uohta = Dämmerung, Auchtert (mittelhochdeutsch ah thart, schwäbisch ouchtert) war die in der Nähe des Dorfes liegende Nachtweide für das Zugvieh. das tagsüber arbeiten musste und gegen 2 Uhr morgens auf die Weide getrieben wurde; andernorts blieb es dort auch die ganze Nacht. Beaufsichtigt wurde das Vieh vom Nachthirten, dem Auchter, der es suchten musste. Bei uns in Mittelstadt gibt es den Namen Auchtert zweimal, nämlich diesseits und jenseits des Neckars. Da der jenseits des Neckars liegende Auchtert frühestens im 14. Jahrhundert als Wüstungsflur der Burg Mörsperg an Mittelstadt kam, dürfen wir vermuten, dass er die Nachtweide dieser Burg war.
Auf dem Hof
(1760 Augstboom genannt — Augst bedeutete Ernte, Augstboom war daher der Erntebaum, unter dem die Augster, die Schnitter, ihr Brot aßen.) Der Name Auf dem Hof bezeichnet eine abgegangene Hofstelle. Dazu gehörten als Sonderfluren Lange Äcker und Brühl, vielleicht auch noch der Hardt. Diese Fluren gehörten nicht zur Mittelstädter Urgemarkung, sondern kamen erst später als Wüstungsfluren hinzu.
Alte Steingrube
In Mittelstadt gab es von jeher Steinbrüche, in denen Stubensandstein gebrochen wurde. Diese Steingrube ist wohl eine der ersten auf unserer Gemarkung gewesen. Als in späterer Zeit weitere Steinbrüche eröffnet wurden, erhielt dieser zum Unterschied gegenüber den neueren die Beifügung »alt«.
Am Bempflinger Weg
(1760 auch Auf den Hägeln genannt. Diese Bezeichnung weist möglicherweise auf den althochdeutschen Personennamen Hagilo hin. Sollte er nicht etwas mit der abgegangenen Siedlung Auf dem Hof zu tun haben? Die andere Deutung Hag = Buschwald, Zaun, lebende Hecke usw. oder Hagen = Stier, erscheint nicht so glaubhaft.) In der Nähe der Flur Am Bempflinger Weg liegen Ob dem Berndinger Weg und Unterm Bempflinger Weg. Diese Lagebezeichnungen sagen uns noch, dass die heutige Bempflinger Straße früher, wie alle anderen Straßen auch, ein unbefestigter Weg war. Alte Mittelstädter können sich daran noch gut erinnern.
Beim Buchbach
(176o: Im Hainzloch, Kleinreutin, Vor Astloch. Alle diese Bezeichnungen weisen auf einen Wald hin, der sich im Gebiet der heutigen Reute befunden haben muss. Das loch in Hainzloch und Astloch hieß urspünglich loh = Gehölz. Lohe befanden sich oft am Rande der Gemarkung, in der Nähe von Ödland, was bei uns auch zutrifft, denn die benachbarte Flur heißt Heiden. Das Bestimmungswort Hainz sagt uns, dass dieser gemeinte Wald einem Manne namens Hainz gehört haben muss; dieser Name steckt wohl auch in der Flurbezeichnung Henzlen. Kleinreutin bedeutet, dass später ein Stück dieses Waldes gerodet wurde. Reute trat dann schließlich an Stelle dieses Namens.)
Buchbach
enthält das Bestimmungswort Buche. Möglicherweise entsprang dieser Bach einmal mitten in einem Buchenwald oder wurde auf lange Strecken von ihm begleitet.
Bei den Mauern
(1760 auch beim Käppelen genannt; siehe Vor St. Klaus). Die provinzialrömische Archäologie zeigt uns sehr deutlich, dass ehemalige römische Bauten fast immer auf Fluren standen, die heute noch in irgendeiner Weise auf Mauern hinweisen. Da dieser Flurname schon 1648 genannt wurde, dürfen wir ziemlich sicher sein, daß hier einstmals ein römisches Gebäude, wahrscheinlich eine »Villa rustica«, ähnlich der aus dem Lachenhau, gestanden hat. Im Mittelalter baute man die gewöhnlichen Wohnhäuser nämlich aus Holz; ein Steinhaus war damals so etwas Außergewöhnliches, dass dies in alten Urkunden stets besonders erwähnt wird.
Bei den Kreuzsteinen
Hier standen früher Steinkreuze. Im Zusammenhang mit dein Markweg (Reutlinger Straße) und dem Gewand Tal dürfen wir sie als eine alte Grenzsetzung ansehen, sie bezeichneten möglicherweise an dieser Stelle die Grenze zwischen den alemannischen Gauen Swiggerstal und Pfullichgau. Eine zweite Deutung besagt, dass an dieser Stelle vielleicht einmal eine Mordtat geschah, die der Mörder durch das Aufstellen von einem Sühnekreuz sühnen wollte. (Ein solches Sühnekreuz finden wir heute noch im Oberrainer Wald, im Gewand Kreuzstein.)
Beim Pekbirnbaum
(176o: Beim Peckbirenhoom). Bekele waren frühe Augustbirnen. Pekbirnbaum enthält also möglicherweise dieses Bestimmungswort, sodaß dieser Baum früher Bekelbirnbaum hieß. Möglich wäre allerdings auch, daß Pekbirnbaum nur eine Verstümmelung von Speckbirnbaum darstellt.
Bergäcker
Alles, was vom Ort ausgesehen, höher als die Häuser lag, erhielt die Bezeichnung Berg, so kannte man im Ort den Gießberg, den Lodenberg, Auf dem Berg (heutige Hindenburgstraße) und auf der Gemarkung die Bergäcker und den Bergsteig.
Brühl
(176o: Brüht oder Breitwiesen). Der Brühl gehörte als feuchte und deshalb besonders begehrenswerte Wiese zu der Siedlung Auf dem Hof; Brühte sind meist nachweislich stets in der Hand von Orts-, Grund- oder Zehntherren gewesen. In diesem Falle weist die ortsferne Lage schon auf eine Wüstung hin.
Beim zielten Baum
Hier war zu der Zeit, als die Siedlung Auf dem Hof noch bestand, die Markungsgrenze, da Ziel in unserem Gebiet immer soviel wie Grenze bedeutet. Möglicherweise waren der schon genannte Augstboom und der Zielten Boom identisch, da diese Fluren sich überschneiden.
Beckenhannsen
Eine Flur, die wahrscheinlich einem Ehehaftbäcker zur Bearbeitung überlassen wurde, einem Bäcker namens Hans also, der mit besonderen Rechten und Pflichten der Gemeinde oder des Grundherrn belastet war, aber auch Vorrechte genoß. Zu diesen Ehehaften gehörten außerdem die Schmieden, Gasthäuser, Bäder und Mühlen.
Blauhut
(1760: Vorm Käppelen). Das Grundwort hut könnte durchaus Weide oder Weideplatz bedeuten, das Bestimmungswort Blau ist hier unklar. Eine Weide in Dorfnähe würde aber bedeuten, dass dieser Blauhut einst Allmende einer fremden Gemarkung gewesen wäre; dies würde durchaus zu den Überlegungen passen, die im Abschnitt »Gemarkung . .« geäußert wurden. — In Blauhut könnte jedoch auch das Wort Blahuet stecken, was soviel wie Schmelzhütte bedeuten würde (Bla, blaejen = schmelzen).
Egertle
Egerten sind in der Regel früher unbebaute und ungenutzt liegende Ackerstücke gewesen, die zumeist weit vom Ort entfernt lagen. (Riederichs Egert liegt fast an der Gemarkungsgrenze nach Mittelstadt.) Die Lage unseres Egertle unmittelbar beim Dorf ist auffallend, zumal sich hier wie beim angrenzenden Blauhut bestes Ackerland befindet und durchaus nicht steiniger, unfruchtbarer Boden wie auf Egerten anderer Gemarkungen. Gehörte unser Egertle wie der Blauhut vielleicht zu der Allmende einer fremden Gemarkung? Die Bedeutung des Wortes selbst ist unklar.
Fröhlefelder Weg
Fröhle könnte von Fräulein herkommen, zumal man in Mittelstadt sehr oft Fräulefelder Weg hört. Hat das Bestimmungswort Fräule nun vielleicht seine Wurzel in den Sagen von den Nachtfräuleins, die ja auch in Mittelstadt ihr Wesen getrieben haben sollen? Sicher ist, dass es für die alten Mittelstädter in dieser Gegend spukte. Die Brühlbärbel ging ganz in der Nähe um, im Laichle irrte ein Geist umher . . . Vielleicht ist die Erklärung des Fröhlefeldes in dieser Richtung zu suchen.
Gaißäcker
Möglicherweise wurde dieser Acker einmal beim Kauf mit Ziegen bezahlt, andererseits könnte der Name auch auf Ziegenweide hinweisen, allerdings stört dann das Grundwort Acker.
Fladenäcker
Hier sind wieder mehrere Deutungen möglich: Flade oder Flad bedeutete Sumpfgras. Ferner könnte die Form dieses Ackers an einen Fladen erinnern. Wahrscheinlich aber wurden die Fladenäcker um die Gült von Fladen verliehen, die jährlich am Zinstag dem Gültherrn abzuliefern waren.
Henzlen
(In früheren Güterbüchern auch Hündslin oder Hünzlin geschrieben). Die Annahme, dass dieses Wort auf den Personennamen Heinz zurückgeht, liegt sehr nahe. Sehr wahrscheinlich ist Henzlen die Verballhornung von Hainzloch, zumal hier bis 1481 noch ein Wald — ein Loh (Loch) stand, der in jenem Jahr vom Kloster Pflullingen zwecks Anlegung eines Weinberges zur Rodung vergeben wurde. Außerdem heißt das angrenzende Gewand »Fladenäcker« bis 1760 noch Vor Hainzloch.
Halde
bedeutet eigentlich nichts anderes als Abhang. Die neuere Flurnamenforschung hat aber herausgefunden, daß Halden immer auch auf früheren Weinbau hinweisen. Das dürfte auch für unsere Gemarkung zutreffen, der Rebstock ist außerdem die angrenzende Flur.
Hochbuch
Vor Hochbuch heißt 176o auch in der Kühställin, damit ist das Gewand gemeint, auf dem heute die Firma Beck steht. »Kühställin« weist auf Weidebetrieb hin, das liegt auch nahe, da sich hier ja Allmende befand, die zumeist Weide war. Hochbuch = hohe Buche(n).
Hinterm Holz
ist ein jüngerer Name, der eine Wiese bezeichnet, die hinterm Wald —»Holz« — liegt. Hardt. 1760 heißt es noch Bebenhardt. In dem Bestimmungswort Beben steckt der althochdeutsche Personenname Pebo oder Pabo. Ob dieser Pebo, dem der Wald ursprünglich sicher gehörte, auch wohl etwas mit der schon erwähnten Wüstung Auf dem Hof zu tun hat?
Hardt
heißt soviel wie Weidewald; verwandt mit den Wörtern Hirte und Herde, bezeichnete es den Teil des Waldes, der dem Viehtrieb diente. (In früheren Zeiten diente auch der Wald bisweilen als Viehweide.)
Laichle
Das Wort ist verwandt mit Lob = Wald. Es bezeichnet also einen kleineren Wald. In einem Güterbuch von 1760 wird er auch Bannen Wald genannt. Das Laichle war damals also offensichtlich der allgemeinen Nutzung entzogen, es lag ein Bann, das heißt ein Verbot darauf, in diesem Wald zu holzen oder zu jagen. Er gehörte vermutlich irgendeiner Grundherrschaft, anscheinend dem Oberamt Urach, da der Flecken hier umfangreichen Besitz hatte.
Hölläcker
Hölle war ein Ort, der irgendwie vom Geheimnis der Vorzeit umwoben war, auf jeden Fall etwas Unheimliches an sich hatte. Da unsere Hölläcker im Bereich des Knollenmergels, der roten Fließerde, liegen, könnten sie auch daher leicht ihren Namen haben, denn Fließerdeäcker haben immer etwas Teuflisches, Höllisches an sich.
Hofstatt
Hier stand mit Sicherheit im Hochmittelalter ein Hof, der später abgegangen ist. Die im 17. Jahrhundert noch gebräuchliche Bezeichnung Braike zeigt dies deutlich. Diese Hofstatt war einer von den drei Mittelstädter Urhöfen, die sich noch nachweisen lassen.
Hungerhalde
Ein Abhang, an dem die Hirten das Vieh zu gewissen Zeiten zusammentrieben. Da es hier nichts zu fressen bekam, wurde dieser Platz eben Hungerhalde benannt. Eine andere Deutung weist wieder auf Weinbau oder Ackerbau hin, der nichts einbrachte, bei dem der Besitzer verhungern konnte.
Im Tal
(1760 Flay-Acker und Fladtsacker). Der Name Tal steht in keiner Beziehung zum Gelände. Es ist stark zu vermuten, dass er eine Kurzform von Swiggerstal darstellt, dessen Gaugrenze hier höchstwahrscheinlich längs der Reutlinger Straße verlief. Mit der Bezeichnung Tal wollte man eben das schon zum Swiggerstal gehörende Land gegen den angrenzenden Pfullichgau kennzeichnen.
In der Schütte
ist ein alter Steinbruch, der später aufgefüllt wurde, Steinabfall - Schutt - rutschte hier den Abhang hinunter.
Kirrisgrube
In dem Bestimmungswort kirris steckt vielleicht das schwäbische Wort kirr = frostig, nasskalt. Der Örtlichkeit könnte diese Bedeutung wohl entsprechen.
Kapf
(Vorher auch Mönchsacker, Pfitzacker und Braike genannt.) Kapfett bedeutet soviel wie gaffen. Ein Kapf ist deshalb immer ein guter Aussichtspunkt, was ja in unserem Falle auch stimmt. Wichtiger für unsere Ortsgeschichte ist aber der ursprüngliche Name Braike oder Breite. Diese Breite gehörte zu einem der ersten Höfe auf unserer Gemarkung; das dazugehörige Hofgebäude stand vermutlich im Gebiet des heutigen Zehnthofes.
Klingäcker
Kling bedeutet Schlucht oder tief eingeschnittener Weg. An dieser Stelle hat die Reutlinger Straße ja auch den Charakter eines Hohlweges, einer Klinge; die linksseitig auf ihn stoßenden Äcker sind die Klingäcker.
Lange Äcker
sind oft das Kennzeichen für einen in der Nähe befindlichen ehemaligen frühen Hof. Unsere Langen Äcker gehörten ohne Zweifel zu der schon mehrfach erwähnten abgegangenen Siedlung Auf dem Hof.
Lachenhau
Lahha bedeutet im Althochdeutschen soviel wie einen Einhieb in einen Baum, um damit die Grenze anzuzeigen. Lach ist also ein Grenzzeichen. Hau ist der Wald, der in diesem Falle die Grenze zwischen Riederidi und Mittelstadt bildet. Früher wurde eine solche durch den Wald laufende Gemarkungsgrenze durch Einhiebe in den Bäumen gekennzeichnet - durch Lachen.
Lachenäcker
Es liegt nun sehr nahe, diesen Namen ebenso wie Lachenhau zu deuten. Doch müssen wir hier auch das Wort Lache = Wasserpfütze in unsere Überlegungen einbeziehen. In dieser Bedeutung kommt der Flurname auch auf anderen Gemarkungen häufig vor.
Lodenberg
Die Herkunft dieses Namens ist völlig dunkel. Vielleicht steckt das Wort Lude = schmutziges Wasser oder Loder = Schmutz darin.
Steigweg
war die Verlängerung des von Oferdingen kommenden Heerweges, der in dem vom heutigen Dreschschuppen an zum Neckar abfallenden Stück diesen Namen trug. Der Acker in seiner Nähe hieß Ob dem Steigweg.
In Pflätschen
ist ein Ort, »an dem das Wasser aufspritzt«. Dieser so genannte Acker war früher gewiß sehr naß, so daß er diesen sehr lautmalenden Namen erhielt.
Reute
Reuten = roden, ausstocken und urbar machen. Dieses früher zu den »Heiden« zählende Ödland wurde im Spätmittelalter ausgerodet und in Ackerland verwandelt. Die gesamte Reute war im Besitz der Reutlinger Armenpflege.
Röhrenfeld
oder Riedmorgen. Die früher sehr nassen Wiesen trugen Röhricht oder Ried, daher stammt der Name.
Rote Äcker
Der hier anstehende rote Knollenmergel war in diesem Falle für die Namengebung bestimmend.
Riethrain
Auch diese Flur war früher, dem Namen nach zu schließen, sicherlich ein Sumpfgebiet, das später durch Entwässerung in Weideland verwandelt wurde.
Rebstock
(1760 auch Vor dem Zaichnen). Dieser Flurname weist eindeutig auf Weinbau hin und bedarf keiner Erklärung. Was aber bedeutet Vor dem Zaichnen? Sollte es vielleicht Zeichen heißen? Worauf weist dann dieses Zeichen hin? Es muss sich jedenfalls zwischen dem Rebstock und dein Egertle befunden haben, denn das Egertle hieß damals auch Hinterm Zeichnen.
Sankt Klaus
Wie überall in Deutschland, gab es auch in unserem Lande bis zur Mitte des ib. Jahrhunderts viele Kapellen und Bildstöcke in Feld und Wald. Trotz der Reformation blieben sie wegen der im Volk verwurzelten Wundergläubigkeit Anziehungspunkte für Wallfahrten, bis Herzog Christoph im Jahre 1555 befahl, die nicht dem ständigen Gottesdienst dienenden Feldkirchen abzubrechen, weil sie »heidnischen Bräuchen und der Abgötterei Vorschub leisten«. Eine solche Kapelle, die dem heiligen Nikolaus geweiht war, stand in dem noch heute so benannten Gewand. Nikolaus wurde mit Vorliebe in der Nähe von Gewässern verehrt.
Steinige
Der eigentlichen Wortbedeutung nach ist es ein Ort, an dem viele Steine liegen. Das könnte sich bei uns nur auf den Leberkies beziehen, der aber erst in einiger Tiefe anzutreffen ist, den Bauern beim Ackern also gar nicht zu schaffen machte. Viel wahrscheinlicher ist es, dass dieser Name auf ehemals römische Mauerreste hinweist, zumal aus der Gegend unterhalb der Steinige römische Kleinfunde bekannt sind.
Schießwiesen
oder Riedmorgen. Vorschießendes Stück, spitzer Winkel heißt im Althochdeutschen Scioz (Schieß). Auf diese Weise könnten wir Schießwiese deuten. Es wäre aber auch möglich, dass das alemannische Wort Schieß auf die Qualität der Wiese hinweisen würde, denn sie ist heute noch sehr sumpfig und sauer.
Schölderlen
Sdiölder ist ein altes Glücksspiel. So wäre es denkbar, dass ein Teil dieser Flur oder gar das gesamte Stück einmal Gegenstand eines Glücksspiels war und dabei seinen Besitzer wechselte.
Schmittlen
Schmiede heißt auf Schwäbisch Schmitte. Die Schmieden zählten im Mittelalter zu den Ehe haften, das heißt, sie gehörten dem Grundherrn oder der Gemeinde. Dadurch hatten sie auch Sonderrechte, so z. B. die Nutzung gewisser Ackerstücke. Es ist nicht anzunehmen, dass sich in diesem Gewand je einmal eine Schmiede befand, da sie dann ja außerhalb Etters, d. h. außerhalb des Zaunes lag, der unser Dorf in früheren Zeiten umgab. Die Vermutung, dass diese Flur einem ehehaften Schmied einst gehörte, liegt viel näher.
Strängel
(1760: Braike unterm Schölderlen). Der Name Stränge! weist auf mittelalterliche Anbauformen hin, die es heute nicht mehr gibt. Ein Strang war ein Acker, der durch entsprechendes Pflügen der Länge nach in mehrere Beete eingeteilt war. Zumeist wurden drei oder vier Beete zu einem Strangen zusammengefasst. — Die frühere Bezeichnung Braike zeigt uns wieder, dass hier einer der ersten Höfe auf Mittelstädter Gemarkung stand. Der unten an der Bempflinger Straße ansetzende und sich nach etwas mehr als 200 m plötzlich verlierende Hohlweg dürfte höchstwahrscheinlich die Hofauffahrt gewesen sein.
Stockäcker
Stock bedeutet Baumstumpf. Bei Rodungen blieben die Baumstümpfe oder Stöcke oft noch eine Weile im Boden; diese Tatsache gab dann Anlass zu der Wortbildung Stockäcker. Auf jeden Fall ist es durch Rodung eines Waldes im Spätmittelalter neu hinzugewonnenes Ackerland.
Steinhäldle
eine kleine Halde, an der der Stubensandstein zutage trat; später wurde sie zum Steinbruch.
Trompeter
Die Sage erzählt, dass hier einmal im Dreißigjährigen Krieg ein Trompeter im Sumpf steckengeblieben und ertrunken sei. In Wahrheit handelt es sich wohl um eine Wiese oder einen Acker, der bei der Allmandverteilung im 17.118. Jahrhundert an einen Trompeter gekommen ist.
Totengraben
Mittelstadt verlor im Dreißigjährigen Krieg nach der Schlacht von Nördlingen (1634) über 300 seiner Einwohner durch Mord, Brand und Pest. So viele Tote konnte der kleine Friedhof an der Kirche damals nicht auf einmal bergen. Sie wurden dann irgendwo auf der Gemarkung beigesetzt, wahrscheinlich im heutigen Totengraben, der vermutlich daher seinen Namen trägt.
Weingartäcker
Auch dieser Flurname bedarf keiner Deutung. Die alten Terrassen, heute auch Hüppele genannt, erinnern noch deutlich an den früheren Weinbau.
Widumhalde
Das Widum oder Widern war das Ausstattungsgut einer Kirche. Die Widumhalde wurde sicherlich für den Weinanbau genützt.
