Vor- und Frühgeschichte
Früheste Spuren menschlichen Lebens auf der Gemarkung Mittelstadt
Schon lange bevor Dörfer, Straßen und Felder das Bild unserer Heimat prägten, lebten Menschen in der Gegend um Mittelstadt. Archäologische Funde aus verschiedenen Epochen geben heute Einblicke in eine Vergangenheit, die bis in die Steinzeit zurückreicht. Sie erzählen von Jägern und Sammlern, von den ersten Bauern, von bronzezeitlichen Siedlern, keltischen Bewohnern und frühen Eisenzeitkulturen. Die Funde aus der Mittelstädter Gemarkung zeigen, dass der Raum über Jahrtausende hinweg immer wieder von Menschen genutzt und besiedelt wurde. Grundlage dieses Überblicks sind zahlreiche historische Berichte und archäologische Entdeckungen.
Mittelsteinzeitliche Klinge (links) aus dem Lachenhau. Der Abschlag rechts im Bild ist nicht genau zu bestimmen
Die Steinzeitjäger vom Lachenhau
Vor rund 12.000 Jahren war die Landschaft um Mittelstadt kaum mit der heutigen vergleichbar. Die letzte Eiszeit lag erst kurze Zeit zurück. Das Klima war deutlich kühler, weite Teile der Umgebung bestanden aus lichten Birken-, Weiden- und Kiefernwäldern sowie offenen, tundrenähnlichen Flächen. Feste Siedlungen gab es noch nicht. Dennoch durchstreiften Menschen die Region auf der Suche nach Wild und Nahrung.
Diese frühen Menschen lebten als Jäger und Sammler. Wahrscheinlich stammten sie ursprünglich aus südwestlichen Gebieten Europas und nutzten Höhlen der Schwäbischen Alb als Schutzräume. Während längerer Jagdzüge errichteten sie vermutlich einfache Lager aus Holz, Reisig und Tierfellen. Von solchen Rastplätzen blieben gelegentlich Werkzeuge und Feuerstellen zurück, die Jahrtausende später wieder entdeckt wurden.
Ein bedeutender Fund gelang im Sommer 1962 im Vorderen Lachenhau. Bei Ausgrabungen eines römischen Gutshofes stießen Archäologen auf eine dunkle Bodenverfärbung, die sich als vorgeschichtliche Grube erwies. Darin fanden sich 25 Feuersteinwerkzeuge, darunter Klingen, Schaber, Bohrer und eine Pfeilspitze. Die Gegenstände stammen aus der Mittelsteinzeit und belegen, dass sich dort vor etwa 12.000 Jahren eine Gruppe von Jägern zeitweise aufgehalten hatte. Die Funde werden heute im Institut für Urgeschichte in Tübingen aufbewahrt.
Das Steinbeil vom Steinernen Gaul
Mit der Jungsteinzeit begann ein grundlegender Wandel im Leben der Menschen. Um etwa 3000 v. Chr. kamen aus östlichen Regionen Europas Gruppen von Bauern in den süddeutschen Raum. Sie betrieben Ackerbau und Viehzucht und führten damit eine völlig neue Lebensweise ein. Wälder wurden gerodet, Felder angelegt und feste Häuser gebaut. Die Menschen bearbeiteten den Boden mit Pflug und Hacke und hielten Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen.
Auch auf der Gemarkung Mittelstadt gibt es Hinweise auf diese frühe bäuerliche Kultur. Im Juni 1958 wurde am sogenannten Steinernen Gaul ein jungsteinzeitliches Steinbeil entdeckt. Das etwa 11,5 Zentimeter lange Werkzeug bestand aus geschliffenem Serpentinstein und besaß ein ovales Schaftloch. Vermutlich hatte ein steinzeitlicher Bauer das Beil dort verloren. Erst rund 5.000 Jahre später wurde es von einem Schüler wiedergefunden.
Ob sich in Mittelstadt tatsächlich eine jungsteinzeitliche Siedlung befand, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Der Fund zeigt jedoch deutlich, dass Menschen dieser Zeit die Gegend nutzten und sich zumindest zeitweise dort aufhielten.
Bronzezeitliche Spuren und die Urnenfelderkultur
Mit der Bronzezeit begann eine neue Epoche technischer und kultureller Entwicklung. Bronze, eine Legierung aus Kupfer und Zinn, verbreitete sich seit etwa 2000 v. Chr. zunehmend auch in Süddeutschland. Werkzeuge, Waffen und Schmuck wurden nun aus Metall gefertigt. Handelswege verbanden Mitteleuropa mit den Kulturen des Mittelmeerraumes und des Orients.
Ein bronzenes Beil, das später der Mittelstädter Schule geschenkt wurde, erinnert an diese Zeit und zeigt die hohe handwerkliche Kunst der damaligen Metallverarbeitung.
Um etwa 1300 v. Chr. erreichten neue Bevölkerungsgruppen aus dem Gebiet der mittleren Donau den süddeutschen Raum. Sie brachten neue Bestattungssitten mit. Anders als zuvor verbrannten sie ihre Toten und setzten die Asche in Urnen bei. Diese Kultur wird deshalb als Urnenfelderkultur bezeichnet.
Ein wichtiger Hinweis auf eine solche Besiedlung wurde 1964 im Gewand „Rebstock“ entdeckt. Bei der Verlegung eines Telefonkabels stieß man auf eine dunkle Grube mit mehr als 200 Keramikscherben, von denen ein Teil eindeutig der Urnenfelderzeit zugeordnet werden konnte. Weitere Oberflächenfunde deuten darauf hin, dass sich dort eine vorgeschichtliche Siedlung befunden haben könnte.
Der Fuchsberg und die Hallstattzeit
Besonders eindrucksvoll sind die Spuren aus der frühen Eisenzeit, der sogenannten Hallstattzeit. Zu den bekanntesten Zeugnissen zählt der Fuchsberg im Lachenhau. Der etwa zwei Meter hohe Hügel mit einem Durchmesser von mehr als dreißig Metern ist Teil einer größeren Gruppe von Grabhügeln. Viele dieser Hügel sind heute nur noch schwach im Gelände erkennbar.
Die Hallstattzeit dauerte etwa von 800 bis 500 v. Chr. In dieser Epoche gewann Eisen als Werkstoff zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig entwickelten sich neue gesellschaftliche Strukturen. Es entstanden Fürstensitze, befestigte Anlagen und große Grabhügel für Angehörige der Oberschicht.
Der Fuchsberg dürfte einst ein solcher Grabhügel gewesen sein. Bereits im Jahr 1894 wurde er unter Leitung von Professor Sixt aus Stuttgart untersucht. Leider sind keine genauen Grabungsberichte erhalten geblieben. Weitere Untersuchungen ergaben lediglich Hinweise auf Holzkohlereste. Dennoch gilt der Hügel bis heute als bedeutendes Zeugnis hallstattzeitlicher Besiedlung im Raum Mittelstadt.
Auch die im Gewand Rebstock gefundenen Scherben könnten auf eine zugehörige Siedlung hinweisen. Bis heute bleiben jedoch viele Fragen offen, die möglicherweise erst durch zukünftige archäologische Untersuchungen beantwortet werden können.
Die Kelten in Mittelstadt
In der jüngeren Eisenzeit wurde das Gebiet von den Kelten geprägt. Dieses Volk besiedelte große Teile Europas und hinterließ auch in Südwestdeutschland zahlreiche Spuren. Bei den Ausgrabungen im Vorderen Lachenhau wurden keltische Gefäßscherben gefunden, die auf eine Siedlung aus dieser Zeit hindeuten.
Die Kelten waren geschickte Handwerker, Händler und Schmiede. Sie betrieben regen Handel und prägten als erstes Volk nördlich der Alpen eigene Münzen. Ihre Siedlungen bestanden oft aus Einzelhöfen oder kleineren Dörfern. Daneben entstanden befestigte Anlagen und größere Zentren, sogenannte Oppida. Ein bedeutendes Beispiel dafür ist der Heidengraben bei Grabenstetten auf der Schwäbischen Alb, eine der größten keltischen Stadtanlagen Mitteleuropas.
Auch sprachlich hinterließen die Kelten Spuren in der Region. Zahlreiche Orts- und Flurnamen gehen vermutlich auf keltische Ursprünge zurück. So könnte auch der Mittelstädter Flurname „Fröhlefeld“ mit alten keltischen Vorstellungen verbunden sein. Nach späteren Volkssagen sollen dort geheimnisvolle „Fräulein“ oder Muttergottheiten umhergezogen sein.
Die keltischen Funde lassen vermuten, dass große Teile der Mittelstädter Gemarkung bereits vor der römischen Zeit dauerhaft besiedelt waren. Die späteren römischen Gutshöfe entstanden vermutlich häufig an Orten, die schon zuvor von keltischen Bewohnern genutzt worden waren.
Ein Blick in die frühe Geschichte Mittelstadts
Die archäologischen Funde aus Mittelstadt machen deutlich, dass die Geschichte des Ortes weit über die schriftliche Überlieferung hinausreicht. Von den steinzeitlichen Jägern über die ersten Bauern bis hin zu den Kelten hinterließen viele Generationen ihre Spuren in der Landschaft. Oft sind es nur einzelne Werkzeuge, Scherben oder Bodenverfärbungen, die von ihrem Leben erzählen. Dennoch ergeben diese Zeugnisse zusammen ein eindrucksvolles Bild der frühen Besiedlungsgeschichte unserer Heimat.
