Die Firma Gebrüder Elmer & Zweifel
Ein bedeutendes Kapitel der Industriegeschichte von Bempflingen und Mittelstadt
Mit der Geschichte der Firma Gebrüder Elmer & Zweifel verbindet sich ein bedeutender Abschnitt der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung von Bempflingen und Mittelstadt. Über mehr als ein Jahrhundert hinweg prägte das Unternehmen das Leben zahlreicher Familien, schuf Arbeitsplätze, förderte den technischen Fortschritt und trug wesentlich zur Entwicklung der beiden Orte bei. Die Firmengeschichte spiegelt zugleich die tiefgreifenden Veränderungen wider, die Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erlebt hat.
Die Gründung in einer Zeit des Aufbruchs
Als die Firma am 15. Juni 1855 offiziell gegründet wurde, befand sich Deutschland in einer Phase grundlegender wirtschaftlicher Veränderungen. Die Industrialisierung gewann zunehmend an Bedeutung. Dampfmaschinen, Eisenbahnen und mechanische Produktionsverfahren verdrängten nach und nach traditionelle Handwerksbetriebe. Besonders die Textilindustrie entwickelte sich dynamisch. Das Spinnrad und der Handwebstuhl wurden durch moderne Maschinen ersetzt, während Baumwolle den bisher verbreiteten Flachs zunehmend verdrängte.
In dieser Aufbruchsstimmung kamen die aus dem Schweizer Kanton Glarus stammenden Brüder Gabriel und Johann Jakob Elmer nach Württemberg. Sie erkannten die günstigen Voraussetzungen entlang der Erms und beschlossen, in Bempflingen eine mechanische Baumwollspinnerei und Weberei zu errichten. Das Dorf zählte damals rund 700 Einwohner und war stark landwirtschaftlich geprägt. Viele Menschen lebten in bescheidenen Verhältnissen, zahlreiche junge Männer wanderten aus wirtschaftlicher Not nach Übersee aus.
Der Gemeinderat von Bempflingen unterstützte das Vorhaben ausdrücklich. Bereits 1854 wurde betont, dass durch die neue Fabrik Arbeitsplätze entstehen und die wirtschaftliche Situation der Gemeinde nachhaltig verbessert werden könne. Tatsächlich bedeutete die Ansiedlung des Unternehmens einen Wendepunkt für die Entwicklung des Ortes.
Aufbau der Fabrik und erste Produktionsjahre
Mit den Bauarbeiten wurde bereits Ende 1853 begonnen. Nach nur eineinhalb Jahren Bauzeit konnten die ersten Maschinen in Betrieb genommen werden. Das Fabrikgelände umfasste einen viergeschossigen Tuffsteinbau mit modernen Spinn- und Webmaschinen. Die Energieversorgung erfolgte zunächst durch Wasserkraft und eine Dampfmaschine. Bereits in den Anfangsjahren verfügte die Anlage über eine für die damalige Zeit bemerkenswerte technische Ausstattung. Rund 80 Menschen fanden hier Arbeit.
Besonders beeindruckend war die Nutzung der Wasserkraft der Erms. Zwei Turbinen lieferten die Antriebsenergie für die Maschinen. Die gesamte Produktion musste ohne Aufzüge organisiert werden. Sämtliche Materialien wurden über Treppen zwischen den Stockwerken transportiert – eine heute kaum noch vorstellbare Arbeitsleistung.
Zur Fabrik gehörten von Anfang an auch Wohn- und Verwaltungsgebäude. Später entstanden weitere Werkswohnungen, um Beschäftigten und ihren Familien Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Die enge Verbindung zwischen Unternehmen und Gemeinde zeigte sich auch in sozialen Einrichtungen. So stiftete die Firma im Jahr 1907 der Kirche die Kleinkinderschule.
Die Expansion nach Mittelstadt
Bereits 1876 wurde in Mittelstadt eine neue Weberei errichtet. Die Produktion entwickelte sich so erfolgreich, dass das Werk schon wenige Jahre später erweitert werden musste. Zwischen Bempflingen und Mittelstadt bestand ein reger Güterverkehr. Garn, Gewebe und Kohle wurden zunächst mit Pferdefuhrwerken transportiert. Dabei entstanden zahlreiche Geschichten, die bis heute in Erinnerung geblieben sind. So wurde auf steilen Strecken ein zusätzliches Pferd eingespannt, das nach getaner Arbeit selbstständig nach Hause zurückkehrte.
Mit dem Bau der Eisenbahnlinie zwischen Plochingen und Reutlingen verbesserten sich die Verkehrsverhältnisse erheblich. Die Bahn erleichterte den Transport von Rohstoffen und Fertigwaren und unterstützte das weitere Wachstum des Unternehmens.
Ein wichtiger Arbeitgeber der Region
Die Firma entwickelte sich zu einem der größten Arbeitgeber der Umgebung. Im Jahr 1885 erreichte die Beschäftigtenzahl mit 795 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ihren historischen Höchststand. Nicht nur Menschen aus Bempflingen und Mittelstadt, sondern auch aus zahlreichen Nachbargemeinden arbeiteten in den beiden Werken. Viele legten täglich weite Strecken zu Fuß zurück, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen.
Das Unternehmen beeinflusste damit nicht nur die wirtschaftliche Situation der Region, sondern auch das gesellschaftliche Leben. Generationen von Familien waren über Jahrzehnte hinweg mit der Fabrik verbunden. Die Firma wurde zu einem festen Bestandteil des Alltags und der Identität der beiden Orte.
Technischer Fortschritt und Modernisierung
Von Beginn an setzte das Unternehmen auf technische Weiterentwicklung. Zahlreiche Bau- und Modernisierungsmaßnahmen zeugen davon. Im Jahr 1907 entstanden der bis heute bekannte Wasserturm sowie weitere Produktionsgebäude. 1913 wurde der über 50 Meter hohe Ziegelschornstein errichtet, der lange Zeit das Erscheinungsbild des Werks prägte.
1914 erfolgte die Elektrifizierung des Betriebs. Damit begann eine neue Phase industrieller Entwicklung. Weitere wichtige Meilensteine waren die Verlegung eines Hochspannungs-Erdkabels zwischen Bempflingen und Mittelstadt im Jahr 1922, die Modernisierung der Energieversorgung in den 1930er Jahren sowie der Einbau einer Sprinkleranlage zum Brandschutz.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte das Unternehmen konsequent auf moderne Maschinen. Besonders die Einführung neuer Dornier-Webmaschinen führte zu erheblichen Produktivitätssteigerungen. In den 1960er und 1970er Jahren wurden die Weberei und die Spinnerei umfassend modernisiert. Die Produktion wurde schließlich vollständig in Bempflingen konzentriert.
Herausforderungen durch Kriege und Krisen
Wie viele Unternehmen musste auch Gebrüder Elmer & Zweifel schwere Zeiten überstehen. Drei Kriege prägten die Firmengeschichte: der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71, der Erste Weltkrieg und der Zweite Weltkrieg. Hinzu kamen wirtschaftliche Krisen, Währungsreformen und tiefgreifende politische Veränderungen.
Während des Ersten Weltkriegs kam die textile Produktion weitgehend zum Erliegen. Nach Kriegsende musste der Betrieb mühsam wieder aufgebaut werden. Noch gravierender waren die Folgen des Zweiten Weltkriegs. Ab 1942 wurde die Textilproduktion vollständig eingestellt. Die Fabrikräume wurden von der Firma Robert Bosch für kriegswichtige Fertigungen genutzt. Erst nach Kriegsende konnten die alten Maschinen wieder in Betrieb genommen werden. Der wirtschaftliche Aufschwung setzte schließlich nach der Währungsreform von 1948 ein.
Familienunternehmen über fünf Generationen
Ein besonderes Merkmal der Firmengeschichte war ihre Kontinuität als Familienunternehmen. Über fünf Generationen hinweg wurde die Verantwortung von Angehörigen der Gründerfamilien getragen. Namen wie Elmer, Göppinger, Kurtz, Stelzer und Kinzler sind eng mit der Entwicklung des Unternehmens verbunden. Sie sorgten dafür, dass die Firma auch in schwierigen Zeiten ihren Kurs beibehielt und sich den wechselnden Anforderungen anpasste.
Geschichten aus dem Fabrikalltag
Neben den großen wirtschaftlichen Entwicklungen haben sich zahlreiche Erinnerungen an den Alltag in der Fabrik erhalten. Sie vermitteln ein lebendiges Bild des damaligen Arbeitslebens. So sorgte das erste Firmenautomobil, ein Adler-Wagen aus dem Jahr 1920, in Mittelstadt regelmäßig für Aufsehen. Schon von weitem hörte man das Fahrzeug, und viele Bewohner kamen neugierig auf die Straße, um es zu bestaunen.
Auch Betriebsleiter Adolf Schenkel, wegen seines markanten Schnurrbartes allgemein „der Schwarze“ genannt, blieb vielen in Erinnerung. Seine Leidenschaft für Zigarren führte einmal beinahe zu einem Brand, als eine noch glimmende Zigarre in seiner Tasche Feuer fing. Glücklicherweise blieb es bei einem harmlosen Zwischenfall.
Zahlreiche weitere Anekdoten erzählen von Pferdefuhrwerken, Betriebsausflügen, den Streichen der Kinder auf dem Fabrikgelände oder von langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, deren Pflichtbewusstsein und Verbundenheit mit dem Unternehmen legendär wurden. Diese Geschichten zeigen, dass die Fabrik weit mehr war als ein Arbeitsplatz. Sie war über Generationen hinweg ein sozialer Mittelpunkt der örtlichen Gemeinschaft.
Bedeutung für Bempflingen und Mittelstadt
Die Geschichte von Gebrüder Elmer & Zweifel steht beispielhaft für die Industrialisierung des Ermstals. Aus einem landwirtschaftlich geprägten Dorf entwickelte sich Bempflingen zu einem bedeutenden Industriestandort. Die Fabrik brachte Arbeit, Wohlstand und technische Innovationen in die Region. Gleichzeitig beeinflusste sie das soziale Leben und die Entwicklung der Infrastruktur nachhaltig.
Über 125 Jahre hinweg begleitete das Unternehmen die Menschen durch Zeiten des Fortschritts, aber auch durch Kriege und Krisen. Die Fabrikgebäude, der Wasserturm und viele Erinnerungen ehemaliger Beschäftigter zeugen noch heute von dieser außergewöhnlichen Unternehmensgeschichte, die eng mit der Entwicklung von Bempflingen und Mittelstadt verbunden bleibt.
