Die Kunstmühle Röhm – Vom mittelalterlichen Klostergut zum industriellen Wahrzeichen Mittelstadts
Ein Bauwerk prägt das Bild des Ortes
Wer über viele Generationen hinweg den Namen Mittelstadt hörte, verband damit fast unweigerlich zwei markante Bauwerke: die auf einer Anhöhe stehende Martinskirche und die große Mühle am Neckar. Während die Kirche das Ortsbild von oben beherrscht, prägt die Mühle seit Jahrhunderten den Bereich am Flussübergang. Ihre Lage am Neckar, die mächtigen Gebäude und später der weithin sichtbare Siloturm machten sie zu einem der bekanntesten Wahrzeichen des Dorfes.
Schon auf historischen Karten erscheint die Mühle als charakteristischer Bestandteil Mittelstadts. Die Uracher Forstkarte des Kartographen Gadner aus dem Jahr 1544 zeigt die Anlage ebenso wie das Kiesersche Forstlagerbuch aus der Zeit um 1680. Beide Quellen belegen, dass die Mühle bereits damals zu den wichtigsten Gebäuden des Ortes gehörte. Tatsächlich reicht ihre Geschichte noch wesentlich weiter zurück. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1291. Damit gehört die Mühle zu den ältesten nachweisbaren Wirtschaftsstandorten Mittelstadts.
Die Mühle als Besitz des Klosters Pfullingen
Im Mittelalter gehörte die Mühle dem Klarissenkloster Pfullingen. Das Kloster besaß in Mittelstadt zahlreiche Grundstücke, Gebäude und landwirtschaftliche Flächen. Noch heute erinnert der Flurname „Nonnenwasen“ an diesen einstigen Besitz.
Die Mühle wurde von den Klosterfrauen nicht selbst betrieben. Stattdessen vergaben sie die Anlage samt Wiesen, Äckern und weiteren Nutzflächen als erbliches Lehen an Müllerfamilien. Das Lehen durfte jeweils nur an männliche Nachkommen weitergegeben werden. Fehlten geeignete Erben, fiel es an das Kloster zurück und wurde neu vergeben.
Die wirtschaftliche Bedeutung der Mühle war erheblich. Sämtliche Einwohner des Dorfes unterlagen dem sogenannten Mahlzwang. Sie mussten ihr Getreide in der Mittelstädter Mühle mahlen lassen und durften keine andere Mühle aufsuchen. Dadurch war die Auslastung dauerhaft gesichert. Das Getreide wurde zunächst im Zehnthof beziehungsweise im Spitalhof gelagert und anschließend in der Mühle verarbeitet.
Ein Lagerbuch des Klosters aus dem Jahr 1684 zeigt, wie eng die Dorfbewohner mit der Mühle verbunden waren. Darin wird beschrieben, dass einzelne Mühlengänge bestimmten Bürgern zugeordnet waren, die dafür einen regelmäßigen Zins entrichten mussten. Die Mühle war damit nicht nur Produktionsstätte, sondern zugleich ein zentraler Bestandteil der mittelalterlichen Wirtschaftsordnung.
Wasserkraft als Grundlage des Erfolgs
Die Lage am Neckar war der entscheidende Standortvorteil der Mühle. Wasserrechtsakten belegen, dass bereits seit mindestens 1562 ein Wassertriebwerk bestand. Die Strömung des Flusses lieferte die notwendige Energie zum Antrieb der Mahlwerke.
Über Jahrhunderte hinweg bildete die Wasserkraft die Grundlage des wirtschaftlichen Erfolgs. Während viele andere Handwerke auf menschliche oder tierische Arbeitskraft angewiesen waren, konnte die Mühle die natürliche Energie des Flusses nutzen. Dies verschaffte ihr einen bedeutenden Wettbewerbsvorteil und machte sie zu einem unverzichtbaren Bestandteil der regionalen Versorgung.
Der Übergang an die Familie Röhm
Mit der Reformation und der Auflösung des Klosters gingen dessen Besitzungen an das Herzogtum Württemberg über. Die Mühle blieb zunächst weiterhin ein Lehensgut.
Eine entscheidende Wende trat im Jahr 1761 ein. Der damalige Lehensinhaber Gabriel Weißhardt geriet in wirtschaftliche Schwierigkeiten und verließ schließlich seine Familie, um in die herzogliche Armee einzutreten. Da kein männlicher Nachfolger vorhanden war, musste das Lehen verkauft werden.
Am 27. April 1761 erwarb Johann Georg Röhm die Mühle für 4.500 Gulden. Dieser Kauf markiert den Beginn einer mehr als zweihundertjährigen Verbindung zwischen der Familie Röhm und dem Mühlenbetrieb. Johann Georg Röhm war der erste Müller seiner Familie. Seine Vorfahren waren vor allem als Bäcker, Bauern und Bürger in Mittelstadt tätig gewesen. Durch den Erwerb der Mühle legte er den Grundstein für eine Unternehmerdynastie, die die Geschichte des Ortes nachhaltig prägen sollte.
Zum Kauf gehörten neben der Mahlmühle mit drei Mahlgängen auch Stallungen, Scheunenanteile, Wiesen, Waldflächen und Hanfland. Die gesamte Anlage wurde damals von einem großen Wasserrad angetrieben.
Das Mühlenleben im 18. und frühen 19. Jahrhundert
In den folgenden Jahrzehnten blieb die Mühle Mittelpunkt des wirtschaftlichen Lebens in Mittelstadt. Während der Herbst- und Wintermonate kamen Bauern aus Mittelstadt und den umliegenden Dörfern mit ihren Getreidesäcken zur Mühle. Dort wurde das Korn zunächst gereinigt und anschließend in mehreren Arbeitsgängen vermahlen.
Der Arbeitsablauf erforderte großes handwerkliches Können. Der Müller musste den Mahlgang ständig überwachen, die Mahlsteine nachstellen und die Qualität des Mehls kontrollieren. Nach mehreren Mahlvorgängen wurden Mehl und Kleie voneinander getrennt und das fertige Produkt abgefüllt.
Als Entlohnung erhielt der Müller einen Anteil des Mahlguts, das sogenannte Milter. Diese Form der Bezahlung führte immer wieder zu Auseinandersetzungen über die Höhe des Anteils. Auch darüber berichten historische Akten.
Erweiterung zu einem vielseitigen Gewerbebetrieb
Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Mühle zu einem vielseitigen Gewerbebetrieb. Neben dem Mahlen von Getreide entstanden weitere Produktionszweige.
Eine wichtige Rolle spielte die Hanfreiberei. Dort wurden Hanf und Flachs verarbeitet, die für die Herstellung von Textilien benötigt wurden. Mit großen Sandsteinläufern wurden die Fasern von den holzigen Bestandteilen getrennt. Als der Anbau von Hanf und Flachs zurückging, verlor dieser Betriebszweig jedoch an Bedeutung.
Hinzu kam eine Gipsmühle. Hier wurden Kalksteine zu feinem Gipsmehl verarbeitet, das als Dünger auf den Feldern eingesetzt wurde. Erst mit dem Aufkommen moderner Kunstdünger wurde dieser Betriebszweig aufgegeben.
Besonders erfolgreich entwickelte sich die Ölmühle. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurden dort Raps, Mohn und andere Ölsaaten verarbeitet. Das gewonnene Öl diente als Speiseöl, wurde aber auch in Lampen und Laternen verwendet. Die Ölmühle entwickelte sich zeitweise sogar zum bedeutendsten Teil des Unternehmens.
Johann Georg Röhm und der Beginn der Moderne
Den entscheidenden Aufschwung erlebte die Mühle unter Johann Georg Röhm, geboren 1849. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er die Leitung des Betriebs und entwickelte ihn mit großem Unternehmergeist weiter.
Er modernisierte die Mahltechnik, erweiterte die Gebäude und begann mit der Handelsmüllerei. Während früher überwiegend die örtliche Bevölkerung beliefert wurde, verkaufte die Mühle nun zunehmend an Bäckereien in der weiteren Umgebung.
Die Nachfrage wuchs stetig. Pferdefuhrwerke transportierten Mehl bis nach Stuttgart und in andere Städte der Region. Zeitweise mussten mehr als zehn Pferde gehalten werden, um die Lieferungen zu bewältigen. Auf dem Mühlengelände herrschte reges Treiben. Müller, Knechte, Fuhrleute und Kunden gingen ein und aus. Viele Menschen verbanden mit der Mühle nicht nur Arbeit, sondern auch persönliche Erinnerungen und Heimatgefühl.
Die Gründung des Elektrizitätswerks Röhm
Zu den größten Leistungen Johann Georg Röhms gehörte die Nutzung der Wasserkraft zur Stromerzeugung. Im Jahr 1908 errichtete er ein Elektrizitätswerk und ersetzte die bisherigen Wasserräder durch eine moderne Francis-Turbine mit einer Leistung von 180 PS.
Damit begann ein neues Kapitel in der Geschichte des Unternehmens. Die Mühle war nun nicht mehr nur Produzent von Mehl und Öl, sondern zugleich Energieversorger.
Der Aufbau eines Stromnetzes erforderte enorme Investitionen. Hochspannungsleitungen mussten errichtet und Ortsnetze aufgebaut werden. Viele Menschen standen der neuen Technik zunächst skeptisch gegenüber. Elektrizität war auf dem Land noch weitgehend unbekannt. Dennoch gelang es Röhm, zahlreiche Gemeinden von den Vorteilen der Stromversorgung zu überzeugen.
Bereits bis 1909 bestanden Lieferverträge mit zwölf Gemeinden. Später kamen weitere Orte hinzu. Das Elektrizitätswerk Röhm entwickelte sich zu einem bedeutenden regionalen Energieversorger.
Der Großbrand von 1914
Kurz vor dem Ersten Weltkrieg erlitt das Unternehmen einen schweren Rückschlag. Am 14. Juni 1914 zerstörte ein Großbrand das gesamte Mühlenanwesen.
Für viele Betriebe hätte eine solche Katastrophe das Ende bedeutet. Johann Georg Röhm entschied sich jedoch für den sofortigen Wiederaufbau. Noch im selben Jahr begannen die Bauarbeiten. Das neue Wohngebäude erhielt dabei weitgehend die Gestalt, die bis heute erhalten geblieben ist.
Auch die Ölmühle wurde neu errichtet. Gleichzeitig wurden Kanäle, Wehranlagen und Turbinenhaus erweitert. Dadurch konnte die Stromerzeugung erheblich gesteigert werden.
1950: Großbrand in Wohn- und Mühlengebäude (Quelle: Walter Kern)
1950: Großbrand in Wohn- und Mühlengebäude, Morgens 5.30 Uhr am 21.9.1950 ertönte die Alarmsirene: die Mühle (Wohn- und Mühlengebäude) in der Neckarstr. 6 brannte. Neben dem Mittelstädter Löschzug waren bald auch die Wehren von Metzingen, Reutlingen, Urach, Pfullingen, Pliezhausen und Nürtingen zur Stelle. Aus 10 B-Rohren und 20 C-Rohren schoss das Wasser in die Glut. 4 Stunden später war der Brand gelöscht; die Getreidemühle war zwar bis auf die Grundmauern zerstört, die angrenzenden Gebäude konnten jedoch gerettet werden. Bei dem Brand entstand ein Schaden von über 200.000 DM (Quelle: Walter Kern)
Wachstum zwischen den Weltkriegen
In den 1920er Jahren setzte sich die Expansion fort. Weitere Turbinen wurden eingebaut, das Stromnetz erweitert und neue Geschäftsbereiche erschlossen.
1921 errichtete die Familie Röhm auf den Fildern bei Bonlanden eine weitere Mühle. Gleichzeitig übernahm das Unternehmen die Stromversorgung weiterer Gemeinden.
Als Johann Georg Röhm im Jahr 1927 starb, hinterließ er ein vielseitiges Unternehmen mit Mühle, Ölmühle, Elektrizitätswerk und Landwirtschaft. Seine Nachkommen führten das Werk in Form einer Kommanditgesellschaft weiter.
Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau
Die Jahre des Zweiten Weltkriegs brachten erneut große Herausforderungen. Rohstoffknappheit, Rationierungen und Personalmangel erschwerten den Betrieb erheblich. Dennoch gelang es, die Produktion aufrechtzuerhalten.
Noch schwerer traf das Unternehmen die Katastrophe vom 20. September 1950. Durch eine Staubexplosion in einem Elevator wurde die Getreidemühle vollständig zerstört. Das Feuer vernichtete große Teile der Anlage. Der Schaden belief sich auf rund eine halbe Million D-Mark.
Wieder entschied sich die Familie für den Neuaufbau. Bereits 1952 konnte die neue Mühle ihren Betrieb aufnehmen. Sie gehörte damals zu den modernsten Anlagen Süddeutschlands.
Die Kunstmühle als modernes Industrieunternehmen
Die neue Mühle verfügte über einen 33 Meter hohen Siloturm mit einem Fassungsvermögen von rund 1.000 Tonnen Getreide. Moderne Reinigungs-, Förder- und Mahlanlagen ermöglichten eine Tagesleistung von etwa 25 Tonnen.
Die Produktion erfolgte weitgehend automatisiert. Pneumatische Fördersysteme transportierten das Mahlgut durch die verschiedenen Verarbeitungsstufen. Ein eigenes Labor überwachte die Qualität von Getreide und Mehl.
Die Kundschaft umfasste rund 600 Bäckereien. Beliefert wurden große Teile Württembergs, darunter die Räume Reutlingen, Tübingen, Nürtingen, Böblingen, Calw und Stuttgart. Die Kunstmühle Röhm beschäftigte in ihrer Blütezeit rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und gehörte damit zu den wichtigsten Arbeitgebern Mittelstadts.
Von der Röhmschen Mühle zur Klostermühle
Im Laufe der Zeit wandelte sich die Nutzung des historischen Areals. Der Name „Klostermühle“ erinnert heute wieder an die mittelalterlichen Ursprünge als Besitz des Klarissenklosters Pfullingen.
Bis heute sind die historischen Gebäude, das Laufwasserkraftwerk und die Lage am Neckar erhalten geblieben. Die Anlage verbindet Geschichte, Technik und Wirtschaftsgeschichte auf einzigartige Weise. Sie erinnert an mehr als sieben Jahrhunderte Mühlentradition und an die Familie Röhm, deren Name über Generationen hinweg eng mit Mittelstadt verbunden war.
Die Kunstmühle Röhm ist damit weit mehr als ein ehemaliger Gewerbebetrieb. Sie ist ein bedeutendes Zeugnis der Ortsgeschichte und ein Symbol für den Wandel von der mittelalterlichen Bannmühle zum modernen Industrieunternehmen. Bis heute gehört sie zu den markantesten und geschichtsträchtigsten Bauwerken Mittelstadts.
