Offener Brief an Reutlingen
Offener Brief an die Stadt Reutlingen
-
Vertragstreue darf keine Frage der Kassenlage sein!
Mit großem Befremden verfolgen wir die aktuellen Pläne der Stadt Reutlingen, in mehreren Teilorten – darunter Mittelstadt – das Standesamt faktisch abzuschaffen und nahezu alle Stadtteilbibliotheken zu schließen. Was als „Effizienz“ und „Zukunftskonzept“ verkauft wird, fühlt sich für viele Bürger eher wie ein schleichender Rückzug der Stadt aus den Stadtteilen an.
Besonders irritierend ist der Blick in die Geschichte: Im Eingemeindungsvertrag von 1974 wurde Mittelstadt ausdrücklich ein eigener Standesamtsbezirk und eine bürgernahe Verwaltung zugesichert. Auch der Erhalt und Ausbau öffentlicher und kultureller Einrichtungen war erklärtes Ziel. Diese Zusagen waren die Grundlage dafür, dass Mittelstadt seine Selbstständigkeit aufgegeben hat. Verträge dieser Art sind kein unverbindliches Wunschpapier – sie sind ein Versprechen.
Natürlich ist die finanzielle Lage der Stadt schwierig. Niemand bestreitet den Sparzwang. Doch die Frage ist, wo gespart wird. Während in der Kernstadt große Projekte weiterlaufen und Millionen investiert werden, verlieren die Teilorte Schritt für Schritt genau jene Einrichtungen, die das tägliche Leben vor Ort ausmachen: Standesamt, Bibliothek, Verwaltungskompetenz. Das sendet ein fatales Signal.
Besonders bitter: Mittelstadt ist kein Kostenfaktor, sondern trägt durch seine Gewerbeansiedlungen seit Jahrzehnten erheblich zum wirtschaftlichen Wohlergehen der Gesamtstadt bei. Wer Einnahmen erwirtschaftet, darf nicht gleichzeitig bei der Grundversorgung ausgedünnt werden.
Wenn jetzt zentrale Funktionen abgezogen werden, mag das verwaltungstechnisch klein wirken – politisch und gesellschaftlich ist es ein großer Einschnitt. Es geht um Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, um Vertrauen und um die Frage, wie ernst es die Stadt mit der Vertragstreue meint.
Der Gemeinderat steht vor einer Richtungsentscheidung. Sparen ja – aber nicht einseitig auf dem Rücken der Teilorte. Wer Verträge schließt, muss sie auch dann achten, wenn es unbequem wird.
Status zum offenen Brief
Wir danken den 70 Bürgerinnen und Bürgern, die den offenen Brief für Mittelstadt unterstützt haben. Ihr Engagement macht deutlich, dass die angesprochenen Anliegen im Stadtteil breit verankert sind und als wichtig für die zukünftige Entwicklung Mittelstadts wahrgenommen werden.
Bis zum 28.2.2026 lag auf den offenen Brief keine direkte inhaltliche Antwort vor.
Dem Gremium wünschen wir eine sachliche und konstruktive Sitzung sowie eine zukunftsgerichtete Entscheidung im Interesse Mittelstadts.
