Die Kelten

Bei der Ausgrabung des römischen Gutshofes im Vorderen Lachenhau wurden auch einige kammstrichverzierte keltische Gefäßscherben gefunden, die auf eine keltische Siedlung verweisen, welche hier vor der Gründung der römischen Villa rustica bestanden hat.

Diese Funde lenken unseren Blick auf eines der faszinierendsten Völker der europäischen Vor- und Frühgeschichte — die Kelten.

Die Urheimat dieses Volkes brauchen wir nicht irgendwo in den Steppen des Ostens zu suchen, wie man früher annahm. Sie hat sich wohl mit größerer Sicherheit in dem Raum zwischen Pyrenäen und Main befunden. Von hier aus zogen die keltischen Völkerscharen durch ganz Europa, versetzten das mächtige Rom in panischen Schrecken, eroberten und plünderten es. Neue Kriegszüge führten die Kelten bis nach Griechenland und Kleinasien; die biblischen Galater waren Kelten. Um 250 v. Chr. beherrschte dieses Volk schließlich einen Raum, der von den britischen Inseln bis nach Kleinasien reichte. Dieses riesige, von den Kelten besiedelte Gebiet täuschte aber nur eine Macht vor, die in Wahrheit gar nicht vorhanden war. Es ist den keltischen Völkerschaften nie gelungen, einen Staat unter einheitlicher Führung zu errichten. Die Kraft des Gesamtvolkes war zu sehr in einzelne, miteinander verfeindete Stämme zersplittert; zu organisiertem Handeln waren sie durchaus unfähig. Geschlossenen Angriffen fremder Völker standen sie in der Regel hilflos gegenüber, Grund genug, um schließlich von der politischen Weltbühne zu verschwinden.

In unserer Gegend haben die Kelten zahlreiche Spuren ihrer Anwesenheit hinterlassen. Berg- und Flussnamen sind häufig keltischen Ursprungs, so z. B. Achalm, Neckar, Erms, Echaz, Wiesaz oder der Ortsname Glems. Keltische Einzelhöfe lagen über das ganze Land verstreut. In zentral gelegenen Heiligtümern, sogenannten Viereckschanzen, verehrten sie ihre Gottheiten, so in der Nähe vom Hofgut Einsiedel oder beim heutigen Nürtingen, wo man die noch gut erhaltenen Viereckschanzen sehen kann. Nach dem Vorbild griechischer Stadtanlagen bauten sie sich auch schon Städte, Oppida, die bei uns unter dem Namen keltische Fliehburg oder Volksburg bekannt sind. Ein solches Oppidum lag in der Regel in der Mitte eines Stammesbezirks; hier wohnten die Vornehmen, hier war der Sitz der Verwaltung, der Markt und das zentrale Heiligtum. Bei Grabenstetten auf der Schwäbischen Alb finden wir noch die Zeugen einer solchen keltischen Stadtanlage, die größte sogar, die es in Mitteleuropa gab. Als Heidengraben sind uns ihre Reste überliefert. Die Stadtmauer dieses Oppidums war allein 6 km lang, durch doppelten Spitzgraben gesichert; davor dehnte sich das Stadtvorland, das wiederum durch einen Verteidigungswall von 3o km Länge abgesichert war. Insgesamt umschlossen diese Verteidigungsanlagen einen Raum von 15oo ha; das entspricht der zweieinhalbfachen Größe der Mittelstädter Gemarkung.

Offensichtlich waren diese befestigten Städte zum Schutz gegen durchziehende Germanenvölker gedacht. Diesem andauernden Druck von Norden und dem römischen von Süden war denn auch das uneinige keltische Volk auf die Dauer nicht gewachsen. Infolge einer mangelnden einheitlichen Front gegenüber seinen Bedrängern zerbrach die keltische Vormachtstellung in Mitteleuropa dann auch immer mehr bis zur politischen Bedeutungslosigkeit. In der Keltenzeit — der jüngeren Eisenzeit oder Latene-Zeit, wie sie auch in der Wissenschaft genannt wird — blühten Handel und Gewerbe wie nie zuvor. Davon zeugen die keltischen Münzen, die Regenbogenschüssel dien, die wir hin und wieder nach dem Regen auf unseren Äckern auflesen können. Die Kelten waren das erste Volk nördlich der Alpen, das mit barer Münze bezahlte, eine Zahlungsweise nach dem Vorbilde der Griechen, deren Geld bei der Prägung keltischer Münzen auch Pate stehen musste.

Eisen wurde nun in regelrechten vierkantigen Barren (mit ausgezogenen Enden) gehandelt, wie man an den ausgestellten Stücken im Reutlinger Heimatmuseum sehen kann.

Sicherlich wurden die Eisenerze, zumeist Bohnerze von der Schwäbischen Alb, auch in unserer Gegend verhüttet. So kennen wir in den Wäldern von Frickenhausen solche alte keltische Verhüttungsanlagen. Überall im Lande rauchten jedenfalls die Essen keltischer Schmiede. Manche brachten es zu einer bis heute fast unerreichten Meisterschaft. Bewundernd und staunend stehen wir vor ihren Werken, so weit sie in den Museen ausgestellt sind.

Da die später im Lande siedelnden römischen Kolonisten zumeist nicht die Wälder gerodet haben, sondern sich wahrscheinlich die Hofstellen der keltischen Ureinwohner aneigneten, dürfen wir annehmen, dass ein Großteil der Mittelstädter Gemarkung schon in der jüngeren Eisenzeit von Kelten besiedelt war. Unsere Kenntnis über die römische Besiedlung unserer Gemarkung erlaubt diesen Schluss. Im Flurnamen Fröhlefeld steckt möglicherweise auch keltisches Erbe. Bei der Christianisierung unseres Orts wurden die heidnischen Götter, die z. T. sicherlich auch keltisch waren, gewissermaßen aus der Siedlung vertrieben und irrten von nun an nach der Volkssage heimatlos als Geister nächtlich auf der Flur umher. Bei uns in Mittelstadt könnte es sich um die vom Volke tief verehrten Muttergottheiten gehandelt haben, die als Fräuleins (Fröw-lins, Fröhles) seit ihrer Austreibung aus dem Dorf nachts auf der Flur spukten und schließlich im Flurnamen noch unsterblich wurden. Diese Vermutung wird noch bestärkt durch die Sage von den drei Nachtfräulein im Merzenbach.

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